Es war Montag morgen. Das Aunty war heute morgen nur sporadisch besucht, was wahrscheinlich dem Regen zu verdanken war, der den ganzen Morgen nicht nachgelassen hatte. Immerhin war es kein Sturm, der den Regen gegen die Fenster peitschte, aber der Wind von der See lies den Regen immer wieder gegen die Scheiben des Aunty klatschen und etablierte dabei neue Rinnsale die dann herunterliefen. Vor den Schaufenstern eilten die Menschen unter Schirmen, oder mit Kapuzen und aufgestellten Kragen durch den Regen. Niemand schien dem Auntys bei diesem Wetter und um diese frühe Uhrzeit wirklich Aufmerksamkeit zu schenken.
Und doch klingelte das kleine Glöckchen irgendwann, als eine junge Frau das Auntys betrat. Sie hatte einen dunkelblauen Regenmantel an und faltete noch einen Cremefarbenen Regenschirm, der sie vor dem Meisten Wasser bewahrt hatte, bevor sie ihn in den Schirmständer neben der Eingangstür stellte.
Dann knöpfte sie langsam den Mantel auf, während sie sich umsah und dabei ein leichtes Lächeln auf den Lippen entwickelte. Die rothaarige Frau trat einige weitere Schritte in den Gastraum und strich mit ihren Fingern über den Tresen. Ihr Blick verklärte sich für eine Sekunde, als würde sie sich an etwas schönes Erinnern.
Mr. Houdin der wie immer im Gastraum herumlungerte sprang auch ohne Umschweife auf den Tresen und ging zu der Frau hinüber. Er schien keine Furcht zu kennen und rieb seinen Kopf ungeniert an der Hand der jungen Frau, welche ihn wie selbstverständlich kraulte.
Maddy lehnte hinter der Theke mit der Hüfte an der Arbeitsfläche und beobachtete die Regentropfen und kleinen Rinnsale, die an den großen Fenstern hinabliefen, während sie ihren Gedanken nachhing. Dieser Montag war bisher tatsächlich sehr ruhig gewesen. Heute stand keine Lieferung an und die meisten Stammgäste blieben bei dem anhaltenden Regen wohl lieber zuhause im Warmen.
Maddy schmunzelte, denn ihre Wärme war jetzt das Café. Es hatte sich in den letzten Monaten sehr verändert. War grüner geworden, voller Pflanzen und irgendwie heimeliger.
Als das sanfte Glöckchen über der Tür erklang, wanderte Maddys Blick gerade über die wenigen Gäste im Café. Sie nahm noch hastig ein paar Schlucke aus ihrer Kaffeetasse, stellte sie ab und leckte sich schnell den Milchschaum von der Oberlippe, bevor sie sich damit womöglich noch blamierte.
Maddy ließ der jungen Frau einen Moment Zeit, in Ruhe anzukommen, bevor sie sie begrüßte. „Herzlich willkommen im Aunty’s! Mein Name ist Maddy. Was kann ich Ihnen an diesem wunderschönen Regentag Gutes tun?“
Zuerst Kaffee. Die Welt retten wir später. (C.George)
Die Augen der jungen Frau schienen einen Moment zu brauchen, um sich aus ihren Erinnerungen zu lösen und Maddie zu fokussieren. Dann blinzelte sie und schien wieder im Hier und jetzt anzukommen. "Oh Entschuldigung...ich..." sie schüttelte den Kopf. "Ich hätte gerne einen Cappucino mit Hafermilch, wenn das möglich wäre." sie lächelte entschuldigend. "Das Café ist noch genauso wie ich es in Erinnerung habe. Diese Wärme und das Gefühl nach Hause zu kommen, ausruhen zu können und dabei in einen sicheren Hafen einzulaufen, dem die ganze Hektik der restlichen Welt nichts anhaben kann, weil sie draußen bleibt."
Sie stützte ihr Kinn auf ihren Handballen auf und beobachtete Maddie beim zubereiten des Getränks. Gleichzeitig kraulte sie abwesend Mr Houdin, der sich schnurrend neben ihr auf dem Tresen zusammen gerollt hatte.
Maddy lächelte die junge freundlich an, nickte und griff bereits nach einer Tasse. „Natürlich. Ein Cappuccino mit Hafermilch kommt sofort.“
Während sie die Hafermilch aufschäumte, wanderte ihr Blick immer wieder kurz zu der jungen Frau und Houdin. dass der Kater sich von Fremden kraulen ließ, war grundsätzlich nichts Ungewöhnliches. Dass er sich dabei allerdings derart selbstverständlich neben jemandem auf dem Tresen zusammenrollte, weckte dann doch ihre Aufmerksamkeit. Hatte sich gerade noch ihre Stirn in kleine Falten gezogen, musste Maddy willkürlich bei den nächsten Worten für einen kleinen Moment inne halten.
<Noch genauso wie in Erinnerung?>
Ihr Blick glitt kurz irritiert durch das Café, über die Pflanzen, die inzwischen überall ihren Platz gefunden hatten, über die kleinen Veränderungen, die sie in den vergangenen Monaten vorgenommen hatte. Dann sah sie wieder zu der Rothaarigen. Vielleicht wirkte Maddy einen kurzen Moment irritiert.
„Das freut mich wirklich sehr zu hören.“ und schon legte sich ein warmes Lächeln auf ihre Lippen, während sie den fertigen Cappuccino vor der Frau auf dem Tresen abstellte. Er war mit einer kleinen Herztulpe im Schaum verziert und auf die Untertasse legte Maddy zwei kleine runde Kekse. Sie waren aus Hafer und Walnüssen und eine leichte warme Zimtnote war wahrnehmbar. Dabei sagte Maddy „Genau so soll es sich hier eigentlich anfühlen.“ Ihr Lächeln wurde ein My wärmer. Es war ihr wichtig, dass die Menschen sich in ihrem Café wohl fühlten.
Dann zögerte Maddy für einen kleinen Augenblick und warf dann einen kurzen Blick auf Houdin, bevor ihre Neugier schließlich doch gewann. „Bitte entschuldigen Sie, aber jetzt muss ich doch fragen… Sie kennen das Aunty’s schon länger?“
Zuerst Kaffee. Die Welt retten wir später. (C.George)
Während Maddi den Kaffee zubereitete schien Maevis zufrieden zu warten. Guter Kaffee brauchte schließlich Zeit. Insbesondere, wenn noch Barista Kunst dazu kam. Als sie schließlich den Cappuccino bekam legte sie zuerst beide Hände um die Tasse und ein weiteres warmes Lächeln huschte über ihr Gesicht, als würde sie sich an etwas erinnern. Dann trank sie einen vorsichtigen Schluck, um sich nicht den Mund zu verbrennen. "Nun." Ihr Blick legte sich wieder auf Maddi. "Ich kenne natürlich nicht das Aunty selbst. Aber diesen Raum hier...den kenne ich sehr gut. Und das Gefühl dieses Raumes...die Geborgenheit, die Wärme und die Sicherheit die er ausstrahlt ist dieselbe, die Grace immer ausgestrahlt hat."
Diesmal war das Lächeln wissender, während sie Maddison betrachtete. "Tut mir leid, dass ich nicht früher kommen konnte. Mein Name ist Maevis und Grace war meine Lehrerin im Himmlischen Choir. Aber das hast du wahrscheinlich schon herausgefunden, richtig?"
Für einen kurzen Moment sagte Maddy gar nichts und ihr Blick lag auf Maevis. Irgendwie schien es einen Augenblick zu dauern, bis die Worte wirklich bei ihr angekommen waren.
<… Grace war meine Lehrerin… >
Fast unbewusst glitt Maddys Blick kurz zu Houdin hinüber und dann wieder zurück zu der jungen Frau. Plötzlich ergab zumindest sein Verhalten ein kleines bisschen mehr Sinn. Und dann war da noch etwas anderes. Maevis hatte nicht gesagt, dass sie das Auntys kannte. Sie hatte gesagt, dass sie diesen Raum kannte. Maddys Blick wanderte für einen kurzen Moment durch das Café, über die Theken, über die Tische, über die Pflanzen und all die kleinen Dinge, die sich inzwischen verändert hatten. Dinge, die Maddy selbst ausgesucht, umgestellt oder hinzugefügt hatte und trotzdem hatte Maevis von derselben Wärme gesprochen, von derselben Geborgenheit, von derselben Sicherheit und von Grace. Für einen kleinen Moment blieb Maddys Blick irgendwo im Raum hängen, bevor er wieder zu Maevis zurückkehrte.
„Maevis...“ wiederholte Maddy leise und ein vorsichtiges Lächeln huschte über ihre Lippen. „Freut mich!“
Bei Maevis letzter Frage schüttelte Maddy allerdings leicht den Kopf. „Nein. Tatsächlich überhaupt nicht ... “ Maddy nahm ihre Kaffeetasse in beide Hände, ohne daraus zu trinken. Sie zögerte leicht. „ ... Also ... Grace hat schon mit mir gesprochen. Viel sogar…“ Ihre Stirn legte sich leicht in Falten. „ ... Nur nie so, dass ich verstanden hätte, worüber sie eigentlich gesprochen hat...“ Im Nachhinein war das vermutlich das Merkwürdigste daran. „ ... Sie hat Dinge gesagt, Geschichten erzählt, Andeutungen gemacht ... und ich habe das damals alles für genau das gehalten ...“ Ein kleines, etwas schiefes, fast schon entschuldigendes Lächeln zeigte sich auf ihrem Gesicht. „... für Geschichten. Metaphern. Irgendwelche Gedanken, die sie sich eben gemacht hat...“
Dass davon tatsächlich etwas wahr sein könnte, wäre Maddy damals nicht einmal in den Sinn gekommen. Ihr Blick wurde wieder aufmerksamer, während sie Maevis betrachtete. „... Und jetzt sitze ich hier mit ihren vielen, vielen Tagebüchern und stelle fest, dass ich wahrscheinlich bei ziemlich vielen Dingen hätte genauer zuhören sollen ...“ Dann blieb sie für einen kurzen Moment still. Ihr Blick glitt noch einmal durch das Café, bevor sie Maevis wieder ansah.
„Und Du meinst wirklich, dass es sich hier noch immer so anfühlt wie damals?“ Diesmal war ihr Lächeln etwas wärmer und ihr Blick glitt erneut durch das Café. Insgeheim freute sie sich sehr darüber, während ihr Lächeln wieder zurücjk zu Maevis wanderte.
Letzlich konnte Maddy ihre Neugier aber nicht zurückhalten und schob dann doch die Frage nach: „Sie war also wirklich Ihre Lehrerin?“
Zuerst Kaffee. Die Welt retten wir später. (C.George)