Verdrängung
Verfasst: So 21. Dez 2025, 21:33
Es ist kurz vor Feierabend. Bob und Barry waren bereits auf dem Weg nach Hause, als Cathrin an die nur angelehnte Tür zum Büro klopft, diese öffnet und halb ins Zimmer tritt.
„Ich bin dann auch weg, Chef“, sagt sie mit einem Lächeln und verharrt noch kurz, als warte sie auf eine Bestätigung.
Skolem schaut von seinem Papierkram auf, blickt kurz in ihre grün-grauen Augen und nickt ihr dann zu. „Alles klar, hab einen schönen Abend - und lass die Tür ruhig auf.“
„Danke, Sie auch.“ Sie schiebt die Tür noch etwas weiter auf, dreht sich dann um und macht sich auf den Weg
Einen kurzen Moment blickt ihr Skolem noch hinterher, der Blick leicht verklärt, die Gedanken irgendwo, nur nicht mehr bei seinen Abrechnungen. Dann jedoch schüttelt er sich kurz, nimmt einen großen Schluck Whiskey aus dem Glas neben den Papieren und widmet sich erneut den Zahlen darauf.
..........
Ein paar Stunden später ist es kurz vor Mitternacht. Die erste Flasche Jameson ist bereits geleert und Skolem öffnet eine weitere, schenkt sich großzügig ein und schnippt wie üblich einige Tropfen auf den Boden. Darauf spricht er die rituellen Worte:
"Ich trink auf dich mein Freund
Auf jeden Tag aus unserer Zeit
Auf das, was geht und das, was bleibt.
Ich trink auf dich mein Freund
Ich heb auf dich mein Glas
Auf das, was kommt und das, was war."
Er lehnt sich zurück und denkt an die Nacht zurück, in der er Mateo das Zwielicht zeigte. Doch weiß er genau, dass das, was Mateo ihm im späteren Verlauf dieser Nacht sagte, für ihn tausendmal essenzieller gewesen ist als dieser kurze Ausflug für den jungen Mann. Die Worte hallen immer noch durch seinen Kopf und gleichzeitig kann er noch die Hände Mateos auf seinen Schultern spüren:
„Das ist eine Schuld, die gesühnt werden kann, weil sie nicht von Ihnen selbst verursacht wurde. Ich verstehe auch, dass Sie sich nicht verzeihen können. Aber ist es nicht egoistisch, sich selbst das Recht herauszunehmen, zu entscheiden, was verzeihbar ist und was nicht? Der Einzige, der zu Schaden gekommen ist, ist Herr Leopold. Und indem Sie das für ihn entscheiden, nehmen Sie ihm sein Recht, es selbst zu entscheiden.“
Konnte da etwas dran sein? Hatte dieser junge Mann, hatte Mateo mehr gesehen, als er in all den Jahren, seitdem dieser schreckliche Abend seinen Lauf nahm? In diesem Moment mischte sich Leopold in Skolems Gedanken:
„Du hast da einen sehr cleveren, jungen Mann kennengelernt.“
Skolem nickt nur innerlich und nimmt einen weiteren großen Schluck Jameson aus seinem Glas. Doch da ist irgendetwas in ihm, was ihn davon abhält, diese Gedanken weiter zu verfolgen. Irgendeine Barriere, irgendeine Mauer, die ihn davon trennt, sich ganz auf dieses Denken einzulassen. So leert er erneut sein Glas, gießt noch einmal nach und lässt den Blick durch sein Büro schweifen. Wie immer bleibt er am Mitarbeiterporträt hängen, steht dann auf und geht hinüber, um es von Nahem zu betrachten.
Dabei fokussiert er sich auf die junge Frau auf dem Bild, auf Cathrin. Und als wollte er alle Gedanken Leopold und den grässlichen Abend vor vielen Jahren betreffend beiseiteschieben, streckt Skolem die Hand aus, berührt mit der Handoberfläche das Bild und streicht sanft über die Wange seiner Mitarbeiterin.
In ihm, ohne es ihn wissen zu lassen, presst Leopold die Lippen zusammen und denkt sich: „Er ist noch nicht so weit. Aber zumindest kurz davor, sich auf den Weg zu machen.“
Skolem begibt sich derweil wieder hinter den Schreibtisch und verbindet sein Smartphone mit dem Lautsprecher, sucht kurz in seiner Playlist und spielt dann etwas Musik ab.
https://www.youtube.com/watch?v=Eztx7Wr8PtE
"Loving you is a losing game" - dies ist das Gefühl, das er kennt. Nicht schön, aber vertraut. Immer wieder nimmt er einen Schluck Whiskey, immer wieder rinnen Tränen seine Wangen hinunter, immer wieder möchte er am liebsten laut aufschreien, der Welt ins Gesicht brüllen, sich gegen alles und jeden stemmen.
Doch letztlich verfällt er nur abermals in Selbstmitleid. Leidet still und allein, wie er es gewohnt ist, wie er es perfektioniert hat. So vergehen Stunden, so leeren sich weitere Whiskeyflaschen, ohne dass er auch nur ansatzweise betrunken wird. So geht die Nacht vorüber und Skolem macht sich am Morgen wie üblich frisch und ist wie immer der Erste im Bestattungshaus, seine Mitarbeiter mit einem aufgesetzten Lächeln und einem fröhlichen „Guten Morgen“ begrüßend.
„Ich bin dann auch weg, Chef“, sagt sie mit einem Lächeln und verharrt noch kurz, als warte sie auf eine Bestätigung.
Skolem schaut von seinem Papierkram auf, blickt kurz in ihre grün-grauen Augen und nickt ihr dann zu. „Alles klar, hab einen schönen Abend - und lass die Tür ruhig auf.“
„Danke, Sie auch.“ Sie schiebt die Tür noch etwas weiter auf, dreht sich dann um und macht sich auf den Weg
Einen kurzen Moment blickt ihr Skolem noch hinterher, der Blick leicht verklärt, die Gedanken irgendwo, nur nicht mehr bei seinen Abrechnungen. Dann jedoch schüttelt er sich kurz, nimmt einen großen Schluck Whiskey aus dem Glas neben den Papieren und widmet sich erneut den Zahlen darauf.
..........
Ein paar Stunden später ist es kurz vor Mitternacht. Die erste Flasche Jameson ist bereits geleert und Skolem öffnet eine weitere, schenkt sich großzügig ein und schnippt wie üblich einige Tropfen auf den Boden. Darauf spricht er die rituellen Worte:
"Ich trink auf dich mein Freund
Auf jeden Tag aus unserer Zeit
Auf das, was geht und das, was bleibt.
Ich trink auf dich mein Freund
Ich heb auf dich mein Glas
Auf das, was kommt und das, was war."
Er lehnt sich zurück und denkt an die Nacht zurück, in der er Mateo das Zwielicht zeigte. Doch weiß er genau, dass das, was Mateo ihm im späteren Verlauf dieser Nacht sagte, für ihn tausendmal essenzieller gewesen ist als dieser kurze Ausflug für den jungen Mann. Die Worte hallen immer noch durch seinen Kopf und gleichzeitig kann er noch die Hände Mateos auf seinen Schultern spüren:
„Das ist eine Schuld, die gesühnt werden kann, weil sie nicht von Ihnen selbst verursacht wurde. Ich verstehe auch, dass Sie sich nicht verzeihen können. Aber ist es nicht egoistisch, sich selbst das Recht herauszunehmen, zu entscheiden, was verzeihbar ist und was nicht? Der Einzige, der zu Schaden gekommen ist, ist Herr Leopold. Und indem Sie das für ihn entscheiden, nehmen Sie ihm sein Recht, es selbst zu entscheiden.“
Konnte da etwas dran sein? Hatte dieser junge Mann, hatte Mateo mehr gesehen, als er in all den Jahren, seitdem dieser schreckliche Abend seinen Lauf nahm? In diesem Moment mischte sich Leopold in Skolems Gedanken:
„Du hast da einen sehr cleveren, jungen Mann kennengelernt.“
Skolem nickt nur innerlich und nimmt einen weiteren großen Schluck Jameson aus seinem Glas. Doch da ist irgendetwas in ihm, was ihn davon abhält, diese Gedanken weiter zu verfolgen. Irgendeine Barriere, irgendeine Mauer, die ihn davon trennt, sich ganz auf dieses Denken einzulassen. So leert er erneut sein Glas, gießt noch einmal nach und lässt den Blick durch sein Büro schweifen. Wie immer bleibt er am Mitarbeiterporträt hängen, steht dann auf und geht hinüber, um es von Nahem zu betrachten.
Dabei fokussiert er sich auf die junge Frau auf dem Bild, auf Cathrin. Und als wollte er alle Gedanken Leopold und den grässlichen Abend vor vielen Jahren betreffend beiseiteschieben, streckt Skolem die Hand aus, berührt mit der Handoberfläche das Bild und streicht sanft über die Wange seiner Mitarbeiterin.
In ihm, ohne es ihn wissen zu lassen, presst Leopold die Lippen zusammen und denkt sich: „Er ist noch nicht so weit. Aber zumindest kurz davor, sich auf den Weg zu machen.“
Skolem begibt sich derweil wieder hinter den Schreibtisch und verbindet sein Smartphone mit dem Lautsprecher, sucht kurz in seiner Playlist und spielt dann etwas Musik ab.
https://www.youtube.com/watch?v=Eztx7Wr8PtE
"Loving you is a losing game" - dies ist das Gefühl, das er kennt. Nicht schön, aber vertraut. Immer wieder nimmt er einen Schluck Whiskey, immer wieder rinnen Tränen seine Wangen hinunter, immer wieder möchte er am liebsten laut aufschreien, der Welt ins Gesicht brüllen, sich gegen alles und jeden stemmen.
Doch letztlich verfällt er nur abermals in Selbstmitleid. Leidet still und allein, wie er es gewohnt ist, wie er es perfektioniert hat. So vergehen Stunden, so leeren sich weitere Whiskeyflaschen, ohne dass er auch nur ansatzweise betrunken wird. So geht die Nacht vorüber und Skolem macht sich am Morgen wie üblich frisch und ist wie immer der Erste im Bestattungshaus, seine Mitarbeiter mit einem aufgesetzten Lächeln und einem fröhlichen „Guten Morgen“ begrüßend.