Weihnachten im Bestattungshaus

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H.-H. Skolem
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Registriert: Di 2. Sep 2025, 18:15

Weihnachten im Bestattungshaus

Beitrag von H.-H. Skolem »

Alle Jahre wieder … ist Weihnachten. Nicht, dass Skolem gläubig wäre oder die Festtagsstimmung besonders mögen würde, aber wie jedes Jahr macht er sich auch diesmal selbst ein kleines Geschenk. So öffnet er den Gefrierschrank und holt eine Flasche White Walker, die Game of Thrones Edition seines alten Kumpels Johnny, heraus und nimmt sie mit ins Büro.
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Am Schreibtisch gießt er sich großzügig ein und vergisst wie immer auch Leopold nicht. Eiskalt rinnt ihm der Whiskey die Kehle hinunter und entfaltet erst im Magen seine Wirkung.

„Frohes Fest“, spricht Leopold in seinen Gedanken.

„Dir auch, mein Bester“, flüstert Skolem zurück. Dann lehnt er sich zurück, hält das Glas ins Licht und betrachtet das Funkeln der Flüssigkeit. Da kommt ihm ein Zitat des amerikanischen Schriftstellers James Carlos Blake in den Sinn:

„If you're afraid to defend your convictions because you might get your ass kicked for it, you're not really fit to advocate for them.“

Zu Leopold gewandt denkt er: „Ich habe in den letzten Tagen viel nachgedacht. Doch stets kam ich zum gleichen Ergebnis: Letztlich würde ich es immer wieder genau so machen wie vor all den Jahren. Niemals darf man Unrecht einfach geschehen lassen.“
Kurz wird er still, fährt dann aber fort: „Allein – ich hätte dich zu ihr schicken sollen und selbst die Ablenkung spielen müssen.“

„Es ging damals alles so schnell, da blieb keine Zeit zum Nachdenken“, antwortet Leopold ruhig. „Wir haben beide einfach gehandelt, ohne zu überlegen, eben weil es unsere Natur ist. Doch es ist, wie es ist. Nichts kann die Vergangenheit ändern.“

Skolem beginnt zu grübeln, überlegt lange und konzentriert. „Ist das wirklich so? Ich habe von Zauberern gehört, die sogar die Zeit beeinflussen können.“

„Solche Gedanken solltest du direkt wieder verbannen. Mit der Zeit spielt man nicht. Das geht immer nach hinten los. Wir haben nicht umsonst genug Filme zu dieser Thematik gesehen und es ging nie gut aus.“

„Du hast ja recht“, antwortet Skolem. „War ja nur ein Gedanke.“

„Den du besser nie wieder verfolgst.“

Skolem nimmt noch einen großen Schluck des eiskalten Whiskeys, nickt innerlich Leopold zu und schreckt dann kurz auf, als sein Telefon klingelt.
Es ist tatsächlich eine Kundenanfrage – tja, gestorben wird immer, selbst an den Feiertagen. So packt er die nötigen Unterlagen zusammen, verlässt das Bestattungshaus und fährt mit dem Leichenwagen zur genannten Adresse.

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