Das neue Jahr war nun schon ein paar Wochen alt und doch war es mitnichten so neu, wie Skolem es sich gewünscht hätte. Vieles blieb beim Alten, und das, was sich verändert hatte, gefiel ihm nicht.
Immer noch wurde gestorben, was zugegebenermaßen gut war, denn immerhin lebte er davon. Immer noch versuchte er, wo es nur ging den Menschen ein wenig Hoffnung zu schenken, ihnen ihr Dasein zumindest etwas erträglicher zu machen. Hier ein Lächeln, da ein kurzes Gespräch, dort ein aufmunterndes Nicken.
Doch der junge Mann, Mateo, mit dem er inzwischen Freundschaft geschlossen hatte, war wie vom Erdboden verschluckt, und hinterließ keinerlei Spur bzgl. seines Aufenthaltsortes. Auch auf Nachrichten und Anrufe reagierte er nicht. Das bereitet ihm Sorgen.
So sitzt Skolem wieder einmal zu Beginn der Nacht vor dem Schreibtisch in seinem Büro, hält das Glas Jameson in die Luft und denkt sich:
„Wen interessiert, ob das Glas halb voll oder halb leer ist? Man muss es eh trinken.“
Also stößt er in Gedanken mit Leopold an, schließlich führt Abstinenz ja auch nicht zur Unsterblichkeit. Und wie auch zuvor bleibt sein Blick am Gruppenbild seiner Mitarbeiter kleben, fixiert er wie üblich die wunderschönen, grünen Augen von Cathrin und weiß, ebenfalls wie gewohnt, dass er sich niemals trauen wird, sie zum Abendessen einzuladen.
Was er sich jedoch traut, ist die nächste Flasche Whiskey zu öffnen, sich großzügig einzugießen und einen großen Schluck zu trinken. Dabei lässt er
https://www.youtube.com/watch?v=rVN1B-tUpgs
laufen und beginnt – auch das ist wohlbekannt und fast schon Routine – sich selbst zu bemitleiden.
In ihm schüttelt Leopold nur ganz leicht den Kopf, denkt sich, dass sein Freund doch schon fast auf einem guten Weg war. Doch jetzt, da Mateo fort zu sein scheint, muss er wohl wieder von vorn anfangen ...