Den Spuren folgen
Verfasst: Mi 22. Jul 2026, 13:51
No. 1
Maddy hatte die Tagebücher mit nach oben genommen. Nicht alle. Das wäre Wahnsinn gewesen. Zumindest hatte sie sich das gesagt, während sie erst eines, dann ein zweites und schließlich ein drittes aus den Kartons mit Graces alten Büchern gezogen hatte. Nun lagen sie auf dem niedrigen Tisch vor dem petrolfarbenen Sofa und sahen vollkommen unschuldig aus - was sie nicht waren.
Bücher mit leeren Seiten waren entweder eine Verschwendung von Papier oder ein sehr aufwendiges Rätsel. Bei Grace konnte es selbstverständlich nicht einfach nur das Erste sein. Maddy saß auf dem Boden und lehnte mit dem Rücken am Sofa. Eines der Kissen lag unter ihrem Arm, ein weiteres hatte Mr. Houdin für sich beansprucht. Der Kater hatte sich darauf zusammengerollt und beobachtete sie durch halb geschlossene Augen.
„Du könntest helfen.“ Mr. Houdin bewegte ein Ohr. „Das war keine rhetorische Frage.“ Keine Reaktion. Maddy seufzte und blickte sich in der Wohnung um.
Im letzten Licht des Tages wirkten die freigelegten Backsteinwände wärmer als sonst. Durch die großen Industriefenster drang nur noch wenig Helligkeit hinein. Genug, um die Umrisse der offenen Küche und des großen runden Esstisches zu erkennen, auf dem sich weitere Bücher, lose Blätter und Dinge stapelten, für die Maddy noch immer keinen richtigen Platz gefunden hatte. An den Wänden standen halb geleerte Umzugskartons. Daneben Blumenerde, mehrere Töpfe und einige Pflanzen, die bisher erfolgreicher in der Wohnung angekommen waren als ihre Besitzerin. Eine Kartons mit Graces Büchern befanden sich noch immer in der Nähe des Schreibtisches. Maddy behauptete, sie habe bisher keine Zeit gefunden, sie vollständig auszuräumen - das war gelogen.
Sie nahm einen Schluck Kaffee und verzog das Gesicht. Er war kalt. Natürlich! Maddy stellte die Tasse wieder ab und betrachtete die offenbarte Tagebuchseite. Das blasse Bild war noch immer da. Ebenso die handschriftlichen - nicht ihre - Worte darunter.
Alles lebt, alles erinnert, alles stirbt und beginnt aufs Neue. Du bist verbunden. Folge den Spuren und die Welt wird dir Antworten!
„Die Welt könnte auch einfach einen Brief schreiben“, murmelte sie. Das wäre wesentlich unkomplizierter gewesen. Andererseits hatte Grace nie besonders viel davon gehalten, ihr Dinge einfach zu erklären. Sie hatte lieber Fragen gestellt, Andeutungen gemacht und Maddy anschließend beobachtet, während diese versuchte herauszufinden, worauf sie hinauswollte. Damals hatte sie das für eine liebenswerte Eigenart gehalten. Heute empfand sie es gelegentlich als Frechheit.
Maddy zog ein großes Blatt Papier zu sich heran. Sie hatte bereits einige Notizen gemacht, doch sie waren über mehrere Zettel, Rückseiten von Rechnungen und einen Block aus dem Café verteilt. Das war keine Spurensuche. Das war eine Einladung, etwas Wichtiges versehentlich als Einkaufszettel zu verwenden. Mit einem Lineal zog sie vier Spalten.
Die erste überschrieb sie mit: ALLES LEBT
Die zweite mit: ALLES ERINNERT
Über die dritte schrieb sie: ALLES STIRBT
Bei der letzten hielt sie kurz inne, bevor sie die Worte genau aus dem Tagebuch übernahm: ALLES BEGINNT AUFS NEUE
Maddy betrachtete die Tabelle. Sie sah ordentlich aus. Noch.
„Ich brauche Einträge.“ Mr. Houdin gähnte. „Ja. Das ist mir auch klar.“ Maddy setzte den Stift an die erste Spalte.
ALLES LEBT
Als Erstes schrieb sie: Mr. Houdin
Das war vermutlich der sicherste Eintrag auf dem gesamten Blatt. Lebt. Spricht. Hilft nur, wenn er es selbst für notwendig hält. Sie blickte zu ihm hinüber. Mr. Houdin öffnete die Augen. „Sachliche Feststellung.“ Er schloss sie wieder.
Maddy ergänzte: War da, bevor ich wusste, dass er mehr als ein gewöhnlicher Kater ist.
Das stimmte. Mr. Houdin hatte zu Grace gehört, bevor er zu Maddy gehört hatte. Wobei er vermutlich der Meinung war, dass er grundsätzlich niemandem gehörte.
Er erinnerte sich an Dinge, die Maddy nicht wusste. Er konnte Graces Worte lesen, wo Maddy nur fremde Zeichen gesehen hatte. Und ausgerechnet in dem Moment, in dem Gambit verschwunden war, hatte Mr. Houdin beschlossen, dass es nun offenbar angemessen war, mit ihr zu sprechen. Wie selbstverständlich hatte Maddy geantwortet. Vielleicht war das rückblickend der seltsamste Teil gewesen. Nicht, dass der Kater gesprochen hatte. Dass ein Teil von ihr nicht überrascht gewesen war.
Unter seinem Namen schrieb sie: Vielleicht war er schon immer eine Spur. Ich habe nur nicht hingesehen.
Der zweite Name war: Hifumi
Maddy hielt kurz inne. Dann schrieb sie: Mindestens vier verschiedene Hifumis. Vermutlich mehr.
Sie erinnerte sich an die offene Hifumi, mit der sie hatte backen wollen. An die förmliche Hifumi in Begleitung der anderen jungen Frauen. An die Hifumi, die in einem vollkommen anderen Aufzug aus der kleinen Nische gekommen war und dafür gesorgt hatte, dass Maddy ein Tablett fallen ließ. Und an die Hifumi, die sich anschließend um ihre verletzte Hand gekümmert hatte. Maddy malte einen kleinen Punkt hinter den Satz.
Dann ergänzte sie: Vielleicht ist Leben auch, nicht immer dieselbe Person sein zu müssen.
Sie betrachtete die Worte und runzelte die Stirn. Hifumi hatte auf Maddy manchmal gewirkt, als würde sie zwischen verschiedenen Versionen ihrer selbst wechseln. Aber vielleicht waren es gar keine verschiedenen Hifumis gewesen. Vielleicht hatte Maddy nur unterschiedliche Teile derselben Person gesehen. Das war vermutlich weniger außergewöhnlich, als es sich anfühlte. Jeder zeigte anderen Menschen unterschiedliche Seiten.
Maddy selbst auch.
Der nächste Name lautete: Liam
Maddy musste nicht lange überlegen, bevor sie darunter schrieb: Freundschaft.
Das Wort wirkte beinahe zu schlicht für all die Begegnungen, Gespräche und Situationen, die inzwischen daran hingen. Liam war längst nicht mehr nur jemand, der gelegentlich im Auntys auftauchte und Bewegung in ihren Tag brachte. Er war einer der Menschen geworden, bei denen Maddy nicht erst überlegen musste, ob sie sich melden durfte. Jemand, bei dem sie sich nicht ständig fragte, ob sie gerade zu viel sagte, zu wenig sagte oder ihre Gedanken besser noch dreimal sortieren sollte.
Sie schrieb: Bei Liam muss ich nicht alles allein tragen.
Maddy betrachtete den Satz kurz und ergänzte: Und ich möchte, dass er ebenfalls nicht alles allein tragen muss.
Spätestens nach ihrem gemeinsamen Filmabend ließ sich ihre Beziehung nicht mehr mit Unruhe oder zufälligen Cafébesuchen zusammenfassen. Liam war ihr wichtig. Nicht, weil jede Begegnung leicht oder unkompliziert gewesen war, sondern weil sie einander inzwischen nah genug waren, dass auch die schwierigen Dinge Platz zwischen ihnen haben durften.
Maddy setzte einen weiteren Satz darunter: Freundschaft bedeutet vielleicht, dass jemand bleibt, nachdem er die weniger einfachen Seiten gesehen hat.
Das passte zu Leben, fand sie. Nicht nur, weil Freundschaften wuchsen. Sondern weil sie gepflegt werden mussten, sich veränderten und manchmal gerade durch die Dinge stärker wurden, die sie ebenso gut hätten beenden können.
ie zog von Liams Namen zusätzlich eine Linie zu ALLES ERINNERT und ALLES BEGINNT AUFS NEUE.
Manche Menschen gehörten offenbar nicht ordentlich in eine einzelne Spalte.
Unter Liam schrieb sie: Harper
Und darunter: Das Auntys lebt nicht nur durch mich.
Harper war keine geheimnisvolle Spur. Zumindest nahm Maddy das nicht an. Sie arbeitete im Café, verabschiedete Gäste, erinnerte Maddy an Dinge und war manchmal bereits verschwunden, bevor Maddy bemerkte, wie viel Arbeit sie ihr abgenommen hatte. Das Auntys war Graces und Maddys Plan gewesen. Trotzdem gehörte sein tägliches Leben inzwischen nicht mehr ausschließlich Maddy. Menschen arbeiteten dort. Gäste kamen wieder. Gespräche fanden statt. Blumen wurden geliefert. Musik wurde gespielt. Dinge wurden vergessen.
Maddy schrieb: Etwas kann mein Zuhause sein, ohne nur mir zu gehören.
Sie betrachtete die erste Spalte. Mr. Houdin. Hifumi. Liam. Harper. Vier sehr unterschiedliche Formen von Leben.
Ein Kater, der sprach.
Eine junge Frau auf der Suche nach sich selbst.
Ein Freund, bei dem Nähe nicht davon abhing, dass alles einfach blieb.
Und jemand, der dafür sorgte, dass das Café auch dann funktionierte, wenn Maddy nicht überall gleichzeitig sein konnte.
„Das ist erstaunlich philosophisch für eine Tabelle“, stellte sie fest. Mr. Houdin schnurrte. Oder vielleicht atmete er nur laut.
Dann wanderte der Stift zur nächsten Spalte. ALLES ERINNERT
Maddy setzte den Stift an: Grace
Der Name stand allein auf dem Papier. Maddy betrachtete ihn lange und schrieb dann:
Ich erinnere mich an sie. Das Auntys erinnert an sie. Die Tagebücher tragen etwas von ihr weiter.
Nicht gut. Aber richtig genug. Sie fügte hinzu: Graces Tod hat die Dinge, die sie früher sagte, verändert.
Natürlich waren ihre Worte noch dieselben. Aber Maddy hörte sie heute anders. Gespräche über Leben und Tod, die damals nach den Gedanken einer eigenwilligen alten Frau geklungen hatten, wirkten nun wie Vorbereitungen. Vielleicht waren sie es gewesen. Vielleicht sah Maddy inzwischen nur Hinweise, weil sie verzweifelt nach ihnen suchte. Beides konnte stimmen.
Der nächste Eintrag war: Jasmin
Maddy erinnerte sich noch genau daran, wie sie Jasmin angerufen hatte. Grace hatte ihren Namen in der Nachricht erwähnt. Jasmin hatte Grace gekannt. Und offenbar hatte sie bereits damit gerechnet, dass Maddy sich irgendwann melden würde. Das war gleichzeitig beruhigend und beunruhigend gewesen.
Maddy schrieb: Sie erinnert sich an eine Seite von Grace, die ich nicht kannte.
Darunter: Grace vertraute darauf, dass ich sie finden würde. Oder zumindest anrufen.
Maddy hatte Jasmin alles erzählt. Gambit. Mr. Houdin. Die Karte. Das Tagebuch. Die Nachricht. Dinge, die laut ausgesprochen noch absurder geklungen hatten als in ihrem Kopf. Und trotzdem hatte sie sich anschließend weniger allein gefühlt.
Sie ergänzte: Manchmal tragen andere Menschen Erinnerungen an jemanden, die einem selbst fehlen.
Das war vermutlich ein Grund, warum Grace ihr Jasmins Namen hinterlassen hatte. Nicht zwingend, damit Jasmin ihr alle Antworten gab. Vielleicht nur, damit Maddy verstand, dass Grace außerhalb ihres gemeinsamen Lebens noch ein anderes gehabt hatte.
Der dritte Name war: Alan
Maddy dachte an Tee und Lakritze. Nicht jede Erinnerung musste etwas Magisches enthalten. Nicht jedes Gespräch war eine Spur in Graces großem Rätsel. Aber Alan war ihr im Gedächtnis geblieben.
Sie schrieb: Kurze Begegnungen können länger bleiben als erwartet.
Es war nicht viel. Aber es war ehrlich. Manchmal begegnete man jemandem nur für eine begrenzte Zeit, sprach über Dinge, die in diesem Moment wichtig waren, und ging anschließend wieder auseinander. Trotzdem blieb etwas zurück. Ein Gesicht. Eine Art zu sprechen. Eine Frage, die man sich später noch einmal stellte.
Maddy setzte darunter: Vielleicht erinnert nicht alles gleich laut.
Der letzte Eintrag in dieser Spalte war: Skolem
Maddy schrieb zunächst: Ein Traum von Kaffee.
Dann hielt sie inne. Das war der Name ihres gemeinsamen Spiels, erklärte aber noch nicht, weshalb es ihr im Gedächtnis geblieben war.
Also setzte sie darunter: Alte Kekse.
Maddy betrachtete die beiden Worte. Von allen Dingen, die jemand in einem Café verlangen konnte, hatte Skolem ausgerechnet alte Kekse gewollt. Nicht frische. Nicht besonders schöne oder ungewöhnliche. Alte. Damals hatte sie die Frage beschäftigt. Inzwischen tat sie es noch immer. Warum wollte jemand etwas, das seinen besten Zustand bereits hinter sich hatte? Ging es wirklich um die Kekse? Um ihren Geschmack? Ihr Alter? Darum, dass sie übrig geblieben waren? Oder hatte Maddy einer merkwürdigen Bestellung lediglich zu viel Bedeutung gegeben, weil sie seit Graces Tod überall nach Zusammenhängen suchte?
Sie schrieb: Warum wollte er ausgerechnet alte Kekse?
Darunter ergänzte sie: Manchmal bleibt nicht das große Gespräch zurück, sondern eine scheinbar nebensächliche Frage.
Vielleicht war genau das eine Spur. Nicht zwangsläufig eine magische. Nicht zwingend eine, die Grace für sie hinterlassen hatte. Aber etwas an Skolems Wunsch hatte sich in Maddys Erinnerung festgesetzt, während viele gewöhnliche Bestellungen längst wieder verschwunden waren.
Sie schrieb: Was macht etwas wertvoll, obwohl – oder gerade weil – es nicht mehr frisch ist?
Der Gedanke passte unangenehm gut zu Graces Satz. Alles lebte. Alles erinnerte. Alles starb. Und manches, dessen Zeit eigentlich vorbei zu sein schien, wurde von jemandem trotzdem bewusst gesucht.
Maddy zog eine kleine Linie von Skolems Namen zu ALLES STIRBT. Danach noch eine zu ALLES BEGINNT AUFS NEUE.
„Es waren nur Kekse“, murmelte sie. Mr. Houdin sah sie an. „Vermutlich.“
ALLES STIRBT
Maddy legte den Stift kurz beiseite. Die dritte Spalte war diejenige, die sie am liebsten leer gelassen hätte. Aber Grace hatte sie nicht weggelassen. Also konnte Maddy das ebenfalls nicht.
Sie schrieb erneut: Grace
Der Name stand nun zum zweiten Mal auf dem Blatt. Dieses Mal notierte sie: Sie ist gestorben.
Kein Kreislauf. Kein Neubeginn. Keine poetische Erklärung. Grace war tot. Maddy konnte ihren Kaffee nicht mehr mit ihr trinken. Sie konnte sie nicht fragen, warum sie ihr so viele leere Tagebücher hinterlassen hatte. Sie konnte sich nicht darüber beschweren, dass Hinweise keine angemessene Form der Kommunikation waren. Was immer Grace vorbereitet hatte, änderte nichts daran.
Maddy betrachtete den Satz und schrieb darunter: Was bleibt, ist nicht dasselbe wie der Mensch.
Das war wichtig. Das Tagebuch war nicht Grace. Das Auntys war nicht Grace. Mr. Houdin war nicht Grace. Und Maddy musste aus Graces Tod nichts Schönes machen, nur weil auf der Tagebuchseite etwas von einem Neubeginn stand.
Sie nahm den Stift fester in die Hand und schrieb den nächsten Namen: Gambit
Maddy verzog leicht den Mund. Kam. Gab mir eine Karte. Sagte mir, ich solle Graces Spuren folgen. Verschwand.
Das fasste die Begegnung erstaunlich gut zusammen. Gambit war in das Auntys gekommen, kurz vor Ladenschluss, und hatte etwas in Maddy ausgelöst, das sie nicht erklären konnte. Für einen Augenblick hatte sie Flügel gesehen - oder geglaubt, sie zu sehen. Dann hatte er von Grace gewusst. Von einer Tür. Von einem ersten Schritt. Und anschließend war er gegangen.
Maddy ergänzte: Manche Begegnungen enden, bevor man genug Fragen gestellt hat.
Darunter schrieb sie: Das Bild auf der Karte verschwand.
Das gehörte eigentlich nicht zu Gambit selbst. Trotzdem war es mit ihm verbunden. Etwas war nicht mehr da gewesen. Dafür war etwas anderes erschienen. Vielleicht bedeutete Sterben in Graces Satz nicht ausschließlich Tod. Vielleicht ging es auch um Dinge, die ihre bisherige Form verloren. Maddy hielt inne. Das klang gefährlich nah an einer Erklärung. Sie setzte ein Fragezeichen dahinter.
Der nächste Name bereitete ihr mehr Schwierigkeiten: Mateo
Maddy überlegte lange. Mateo gehörte nicht in diese Spalte, weil er gestorben war. Offensichtlich nicht! Es ging auch nicht darum, ihm irgendeine düstere Bedeutung zuzuschreiben.
Schließlich schrieb sie: Geschichten enden, wenn niemand sie weitererzählt.
Das war es, was sie mit Mateo verband. Geschichten. Neugier. Das Gefühl, dass eine gewöhnliche Begegnung größer werden konnte, sobald jemand begann, Fragen zu stellen. Mit Liam und Mateo war aus einem Besuch im Café mehr geworden als eine Bestellung.
Maddy schrieb weiter: Vielleicht stirbt eine Geschichte erst, wenn sie vergessen wird.
Dann zog sie einen kleinen Pfeil zur Spalte ALLES ERINNERT.
„Das ist offiziell keine Tabelle mehr.“ Mr. Houdin hob den Kopf. „Du hättest früher widersprechen können.“ Er legte ihn wieder ab.
Der letzte Name in dieser Spalte war: Presston
Maddy dachte an Missverständnisse, An die Frage, was eigentlich geschehen war und was davon bei Presston angekommen war. Später hatte es einen Topf voll Entschuldigung gegeben. Maddy kicherte und sah hinüber zu dem prächtigen Farn.
Maddy schrieb: Manchmal muss die eigene Erklärung sterben, bevor man versteht, wie etwas bei jemand anderem angekommen ist.
Sie sah den Satz an. Das klang hart. Aber vielleicht war es richtig. Eine gute Absicht machte eine Verletzung nicht ungeschehen. Und eine Entschuldigung bedeutete nicht, dass man rückwirkend recht bekam.
Maddy ergänzte: Recht haben und etwas wiedergutmachen sind nicht dasselbe.
Dann zog sie von Presstons Namen eine Linie in die vierte Spalte.
ALLES BEGINNT AUFS NEUE
Der erste Eintrag war bereits durch die Linie vorgegeben: Presston
Maddy schrieb: Eine Entschuldigung ändert nicht, was passiert ist. Aber sie kann verändern, was danach möglich ist.
Ob das immer funktionierte, wusste sie nicht. Ein Neubeginn bedeutete nicht automatisch Vergebung. Auch nicht, dass alles wieder so wurde wie vorher. Vielleicht war es vielmehr die Entscheidung, nicht an derselben Stelle stehenzubleiben.
Der nächste Name lautete: Elena
Maddy dachte an die Tagebuchseite. An Blut, Erde, Wasser und Asche. An Elenas Deutung und an die Verbena. Maddy verstand noch immer nicht genug, um sich sicher zu sein. Aber Elena hatte die Flecken nicht als zufällige Verschmutzungen betrachtet. Sie hatte darin etwas gesehen, das Maddy bisher gefehlt hatte.
Maddy schrieb: Sie gab den Dingen Namen, ohne mir die Entscheidung abzunehmen.
Darunter: Seit dem Gespräch sehe ich die Seite anders.
Das war ein Anfang. Noch keine Zugehörigkeit. Noch kein fertiger Weg. Aber eine neue Möglichkeit, die vorher nicht existiert hatte.
Maddy ergänzte: Eine Antwort kann eine größere Frage beginnen.
Der nächste Name war: Masamune
Maddy hielt den Stift über dem Papier. Bei Masamune war es schwer, einen einzelnen Satz zu finden. Da waren ihre Gespräche gewesen. Das Emerald Dusk. Gedanken, die er geäußert hatte und die später weiter in ihr gearbeitet hatten. Und dieses Nachhallen, das nicht nur seinen Worten galt, sondern auch dem, was seine Gedanken in Maddy berührten.
Sie schrieb: Manche Gespräche enden, aber ihre Richtung bleibt.
Das war noch nicht genug. Maddy ergänzte: Durch Masamune begann ich nicht nur über die Verbena nachzudenken, sondern darüber, weshalb mich manche ihrer Vorstellungen anziehen.
Sie las den Satz. Das war genauer. Maddy wusste noch nicht, was Verbena wirklich bedeutete. Sie wusste nur, dass etwas daran zu Grace, dem Tagebuch und vielleicht auch zu ihr selbst zu passen schien.
Der letzte Name, den sie zunächst in die Spalte schrieb, war: Maddy
Sie hielt inne. Das fühlte sich selbstgefällig an. Andererseits war es ihre Tabelle. Und Grace hatte geschrieben: Du bist verbunden.
Also schrieb Maddy: Nach Graces Tod war ich nicht mehr dieselbe.
Das war offensichtlich. Sie ergänzte: Das Auntys wurde trotzdem eröffnet. Nicht wegen Graces Tod. Trotzdem. Das war ein Unterschied, an dem Maddy festhalten wollte. Aus den leeren Seiten wurde eine Suche. Aus Mr. Houdin wurde jemand, dem ich Fragen stellen kann, die er meistens nicht beantwortet.
Ein leises Schnaufen vom Sofa. Maddy sah zu ihm. „Meistens.“
Sie schrieb weiter:
Aus Gambits Hinweis wurde der Anruf bei Jasmin.
Aus Elenas Worten wurde eine mögliche Richtung.
Aus der Freundschaft mit Liam wurde etwas, auf das ich mich verlassen kann.
Aus Skolems alten Keksen wurde eine Frage, die noch immer nicht verschwunden ist.
Aus den Begegnungen mit den anderen wurden Gedanken, die vorher nicht da waren.
Maddy legte den Stift ab. Die Tabelle war gefüllt. Nicht vollständig. Vermutlich würde sie das niemals sein. Einige Namen hätten ebenso gut in einer anderen Spalte stehen können. Eigentlich hätten fast alle in mehreren stehen können. Mr. Houdin lebte und erinnerte sich. Grace war gestorben und trotzdem begann durch ihre Tagebücher etwas Neues. Jasmin erinnerte sich an eine Seite von Grace, die Maddy selbst nicht gekannt hatte. Hifumi versuchte herauszufinden, welche ihrer vielen Seiten tatsächlich ihr selbst gehörten. Harper sorgte mit dafür, dass das Auntys nicht allein von Maddy getragen wurde. Liam war längst mehr als eine Folge einzelner Begegnungen. Er war ein enger Freund geworden. Jemand, dem sie vertraute und bei dem auch die schwierigen Dinge nicht automatisch das Ende bedeuteten. Mateos Geschichten lebten weiter, solange sich jemand an sie erinnerte. Alans kurze Begegnung war deutlicher geblieben als manches lange Gespräch. Presstons Entschuldigung gehörte gleichzeitig zu einem Ende und zu der Möglichkeit, anders weiterzumachen. Elena hatte Graces Spuren nicht geschaffen, aber Maddys Blick darauf verändert. Skolem hatte mit einer scheinbar einfachen Bitte eine Frage hinterlassen, die Maddy noch immer nicht beantworten konnte. Und schließlich Masamune, dessen Gespräch so viel mehr in Maddy angestoßen hatte, als eine zufällig Begegnung es für gewöhnlich tat.
Maddy hielt all die Gedanken fest, bevor sie sich wieder zwischen anderen verstecken konnten.
Sie nahm einen neuen Stift und schrieb unter die Tabelle: DU BIST VERBUNDEN
Dann zog sie einen Kreis um die Worte. Von dort aus führte sie Linien zu den einzelnen Namen.
Grace
Mr. Houdin
Gambit
Jasmin
Hifumi
Harper
Liam
Mateo
Alan
Presston
Elena
Skolem
Masamune
Das Blatt sah zunehmend aus, als versuche Maddy einen Mordfall zu lösen, ohne vorher zu klären, ob überhaupt jemand ermordet worden war. Sie lehnte sich zurück.
„Das ist vollkommen unbrauchbar.“ Mr. Houdin stand auf, streckte sich und sprang vom Sofa. Langsam ging er um das Blatt herum, ohne daraufzutreten, und setzte sich auf die andere Seite des Tisches. Maddy betrachtete ihn. „Oder?“ Der Kater schwieg. „Du könntest wenigstens so tun, als würdest Du darüber nachdenken.“ Mr. Houdin sah auf die Tabelle.
Maddy folgte seinem Blick. All die Namen. All die Linien.
Für einen Moment fragte sie sich, ob sie den Hinweis falsch verstanden hatte. Vielleicht meinte Du bist verbunden etwas vollkommen anderes. Etwas Magisches. Etwas, das Jasmin oder Elena sofort erklären könnten.
Aber Grace hatte nicht geschrieben, dass Maddy jemanden nach der Lösung fragen sollte. Sie sollte den Spuren folgen.
Maddy nahm den Stift erneut auf und schrieb unter das wirre Geflecht: Nicht die Menschen sind die Spuren.
Sie hielt inne. Dann ergänzte sie: Die Dinge, die nach ihnen in mir zurückbleiben, könnten welche sein.
Das fühlte sich richtiger an. Sie musste aus niemandem einen Teil von Graces Plan machen. Gambit vielleicht ausgenommen. Der hatte sich selbst ziemlich eindeutig in die Angelegenheit eingemischt. Aber Liam, Hifumi, Mateo, Alan, Presston, Elena, Skolem und Masamune waren keine Rätselstücke, die Maddy nur richtig anordnen musste. Sie waren Menschen, denen sie begegnet war. Manche nur kurz. Andere oft genug, dass aus Begegnungen Beziehungen geworden waren. Liam war inzwischen ein enger Freund und damit längst mehr als eine einzelne Begegnung. Bei ihm ging es nicht darum, was nach einem Besuch zurückblieb, sondern darum, was zwischen ihnen weitergewachsen war. Skolem dagegen hatte vor allem eine Frage hinterlassen. Eine kleine, beinahe lächerliche Frage über alte Kekse, die Maddy trotzdem nicht losließ. Was Maddy untersuchen konnte, waren ihre eigenen Erinnerungen. Ihre Gedanken. Die Beziehungen, die sich verändert hatten. Die Momente, die länger geblieben waren als andere. Und die Fragen, die nach einer Begegnung nicht wieder verschwanden.
Maddy zog ein zweites Blatt heran.
Darauf schrieb sie: Spuren, denen ich folgen kann, ohne jemanden zum Teil meines Rätsels zu machen
Darunter begann sie eine neue Liste.
Maddy blickte zu den Tagebüchern. Drei lagen auf dem Tisch. Weitere befanden sich in den Kartons am Schreibtisch. Andere im Keller. Grace hatte geschrieben, dass es Schlüssel gab. Mehrere. Die offenbarte Seite war also vermutlich nicht die letzte. Vielleicht nicht einmal die erste, die sie hätte finden sollen.
Maddy nahm das oberste der vermeintlich leeren Tagebücher in die Hand. Sie blätterte hindurch. Leere Seite, Leere Seite und noch eine leere Seite. „Das ist wirklich nicht besonders motivierend.“ Mr. Houdin sprang neben sie auf das Sofa.
Maddy ließ das Tagebuch sinken und betrachtete erneut die Tabelle. Sie würde heute keine weitere Seite offenbaren. Sie wusste nicht einmal, ob sie das absichtlich konnte. Aber sie konnte ihre bisherigen Spuren ordnen. Sie konnte Graces Bücher durchsehen. Sie konnte notieren, wann ihr etwas auffiel. Und sie konnte damit aufhören, von sich zu erwarten, dass sie bereits wusste, wonach sie suchte. Suchende wussten vermutlich selten im Voraus, was sie fanden.
Schließlich schlug Maddy selbst eine leere Seite eines nagelneuen Notizbuches auf.
Oben schrieb sie: Graces Tagebücher
Darunter: No. 1 – Was bereits Spuren hinterlassen hat
Dann übertrug sie die Namen aus ihrer Tabelle. Nicht alle Erklärungen. Nur die Namen und die Fragen.
Als sie fertig war, schrieb sie ganz unten: Heute habe ich keine Antwort gefunden.
Maddy hielt kurz inne und setzte dahinter: Aber vielleicht zum ersten Mal verstanden, wo ich anfangen kann.
Sie legte den Stift in die Mitte des aufgeschlagenen Buches. Das war vermutlich keine besonders eindrucksvolle magische Handlung.
Kein Licht. Keine neue Schrift. Kein weiteres Bild. Nur Maddy, die auf dem Boden ihrer noch immer nicht vollständig eingerichteten Wohnung saß und versuchte, aus den vergangenen Monaten etwas zu machen, das sich verfolgen ließ.
Aber Gambit hatte gesagt, dass niemand den ersten Schritt für sie übernehmen konnte. Vielleicht musste ein erster Schritt nicht groß sein. Vielleicht musste er nur in die richtige Richtung führen.
Maddy ließ den Blick noch einmal über die Namen, Linien und Fragen auf den losen Blättern wandern.
Am Ende blieben ihre Gedanken aber an einem einzigen Wort hängen: Verbena.
Sie hatte es inzwischen von mehr als einer Person gehört. Erst als mögliche Spur, dann als Erklärung, später als Richtung. Elena hatte den Begriff mit der Tagebuchseite verbunden. Masamune hatte ihm mehr Gewicht gegeben, als Maddy erwartet hatte. Und selbst in Graces Worten schien inzwischen etwas davon mitzuschwingen, obwohl Maddy nicht sagen konnte, ob das tatsächlich stimmte oder ob sie nur begann, überall danach zu suchen. Trotzdem fühlte sich das Wort nicht fremd an. Eher wie etwas, das sie wiedererkannte, ohne sich erinnern zu können, woher.
Blut. Erde. Wasser. Asche.
Leben, Erinnerung, Tod und Neubeginn.
Dinge, die vorher einzeln gewesen waren und plötzlich zusammengehörten. Maddy nahm den Stift erneut auf und schrieb unter ihre bisherigen Notizen: Verbena
Daneben setzte sie keine Erklärung, nur eine einzelne unscheinbare Frage: Warum fühlt sich das so richtig an?
Sie betrachtete die Worte lange. Das war keine Entscheidung. Noch nicht. Aber vielleicht war es die erste Spur, der sie nicht nur folgen wollte, weil Grace sie darum gebeten hatte.
Maddy schloss die anderen Tagebücher und ließ nur das neue Notizbuch, ihr eigenes Notizbuch geöffnet.
Ganz unten ergänzte sie: Als Nächstes finde ich heraus, wer die Verbena wirklich sind.
Mr. Houdin hob den Kopf. Maddy sah zu ihm. „Diesmal wäre ein klarer Hinweis ausnahmsweise hilfreich.“ Der Kater blinzelte langsam. Natürlich. Maddy legte den Stift zwischen die Seiten.
Dann würde sie eben selbst suchen.
Maddy hatte die Tagebücher mit nach oben genommen. Nicht alle. Das wäre Wahnsinn gewesen. Zumindest hatte sie sich das gesagt, während sie erst eines, dann ein zweites und schließlich ein drittes aus den Kartons mit Graces alten Büchern gezogen hatte. Nun lagen sie auf dem niedrigen Tisch vor dem petrolfarbenen Sofa und sahen vollkommen unschuldig aus - was sie nicht waren.
Bücher mit leeren Seiten waren entweder eine Verschwendung von Papier oder ein sehr aufwendiges Rätsel. Bei Grace konnte es selbstverständlich nicht einfach nur das Erste sein. Maddy saß auf dem Boden und lehnte mit dem Rücken am Sofa. Eines der Kissen lag unter ihrem Arm, ein weiteres hatte Mr. Houdin für sich beansprucht. Der Kater hatte sich darauf zusammengerollt und beobachtete sie durch halb geschlossene Augen.
„Du könntest helfen.“ Mr. Houdin bewegte ein Ohr. „Das war keine rhetorische Frage.“ Keine Reaktion. Maddy seufzte und blickte sich in der Wohnung um.
Im letzten Licht des Tages wirkten die freigelegten Backsteinwände wärmer als sonst. Durch die großen Industriefenster drang nur noch wenig Helligkeit hinein. Genug, um die Umrisse der offenen Küche und des großen runden Esstisches zu erkennen, auf dem sich weitere Bücher, lose Blätter und Dinge stapelten, für die Maddy noch immer keinen richtigen Platz gefunden hatte. An den Wänden standen halb geleerte Umzugskartons. Daneben Blumenerde, mehrere Töpfe und einige Pflanzen, die bisher erfolgreicher in der Wohnung angekommen waren als ihre Besitzerin. Eine Kartons mit Graces Büchern befanden sich noch immer in der Nähe des Schreibtisches. Maddy behauptete, sie habe bisher keine Zeit gefunden, sie vollständig auszuräumen - das war gelogen.
Sie nahm einen Schluck Kaffee und verzog das Gesicht. Er war kalt. Natürlich! Maddy stellte die Tasse wieder ab und betrachtete die offenbarte Tagebuchseite. Das blasse Bild war noch immer da. Ebenso die handschriftlichen - nicht ihre - Worte darunter.
Alles lebt, alles erinnert, alles stirbt und beginnt aufs Neue. Du bist verbunden. Folge den Spuren und die Welt wird dir Antworten!
„Die Welt könnte auch einfach einen Brief schreiben“, murmelte sie. Das wäre wesentlich unkomplizierter gewesen. Andererseits hatte Grace nie besonders viel davon gehalten, ihr Dinge einfach zu erklären. Sie hatte lieber Fragen gestellt, Andeutungen gemacht und Maddy anschließend beobachtet, während diese versuchte herauszufinden, worauf sie hinauswollte. Damals hatte sie das für eine liebenswerte Eigenart gehalten. Heute empfand sie es gelegentlich als Frechheit.
Maddy zog ein großes Blatt Papier zu sich heran. Sie hatte bereits einige Notizen gemacht, doch sie waren über mehrere Zettel, Rückseiten von Rechnungen und einen Block aus dem Café verteilt. Das war keine Spurensuche. Das war eine Einladung, etwas Wichtiges versehentlich als Einkaufszettel zu verwenden. Mit einem Lineal zog sie vier Spalten.
Die erste überschrieb sie mit: ALLES LEBT
Die zweite mit: ALLES ERINNERT
Über die dritte schrieb sie: ALLES STIRBT
Bei der letzten hielt sie kurz inne, bevor sie die Worte genau aus dem Tagebuch übernahm: ALLES BEGINNT AUFS NEUE
Maddy betrachtete die Tabelle. Sie sah ordentlich aus. Noch.
„Ich brauche Einträge.“ Mr. Houdin gähnte. „Ja. Das ist mir auch klar.“ Maddy setzte den Stift an die erste Spalte.
ALLES LEBT
Als Erstes schrieb sie: Mr. Houdin
Das war vermutlich der sicherste Eintrag auf dem gesamten Blatt. Lebt. Spricht. Hilft nur, wenn er es selbst für notwendig hält. Sie blickte zu ihm hinüber. Mr. Houdin öffnete die Augen. „Sachliche Feststellung.“ Er schloss sie wieder.
Maddy ergänzte: War da, bevor ich wusste, dass er mehr als ein gewöhnlicher Kater ist.
Das stimmte. Mr. Houdin hatte zu Grace gehört, bevor er zu Maddy gehört hatte. Wobei er vermutlich der Meinung war, dass er grundsätzlich niemandem gehörte.
Er erinnerte sich an Dinge, die Maddy nicht wusste. Er konnte Graces Worte lesen, wo Maddy nur fremde Zeichen gesehen hatte. Und ausgerechnet in dem Moment, in dem Gambit verschwunden war, hatte Mr. Houdin beschlossen, dass es nun offenbar angemessen war, mit ihr zu sprechen. Wie selbstverständlich hatte Maddy geantwortet. Vielleicht war das rückblickend der seltsamste Teil gewesen. Nicht, dass der Kater gesprochen hatte. Dass ein Teil von ihr nicht überrascht gewesen war.
Unter seinem Namen schrieb sie: Vielleicht war er schon immer eine Spur. Ich habe nur nicht hingesehen.
Der zweite Name war: Hifumi
Maddy hielt kurz inne. Dann schrieb sie: Mindestens vier verschiedene Hifumis. Vermutlich mehr.
Sie erinnerte sich an die offene Hifumi, mit der sie hatte backen wollen. An die förmliche Hifumi in Begleitung der anderen jungen Frauen. An die Hifumi, die in einem vollkommen anderen Aufzug aus der kleinen Nische gekommen war und dafür gesorgt hatte, dass Maddy ein Tablett fallen ließ. Und an die Hifumi, die sich anschließend um ihre verletzte Hand gekümmert hatte. Maddy malte einen kleinen Punkt hinter den Satz.
Dann ergänzte sie: Vielleicht ist Leben auch, nicht immer dieselbe Person sein zu müssen.
Sie betrachtete die Worte und runzelte die Stirn. Hifumi hatte auf Maddy manchmal gewirkt, als würde sie zwischen verschiedenen Versionen ihrer selbst wechseln. Aber vielleicht waren es gar keine verschiedenen Hifumis gewesen. Vielleicht hatte Maddy nur unterschiedliche Teile derselben Person gesehen. Das war vermutlich weniger außergewöhnlich, als es sich anfühlte. Jeder zeigte anderen Menschen unterschiedliche Seiten.
Maddy selbst auch.
Der nächste Name lautete: Liam
Maddy musste nicht lange überlegen, bevor sie darunter schrieb: Freundschaft.
Das Wort wirkte beinahe zu schlicht für all die Begegnungen, Gespräche und Situationen, die inzwischen daran hingen. Liam war längst nicht mehr nur jemand, der gelegentlich im Auntys auftauchte und Bewegung in ihren Tag brachte. Er war einer der Menschen geworden, bei denen Maddy nicht erst überlegen musste, ob sie sich melden durfte. Jemand, bei dem sie sich nicht ständig fragte, ob sie gerade zu viel sagte, zu wenig sagte oder ihre Gedanken besser noch dreimal sortieren sollte.
Sie schrieb: Bei Liam muss ich nicht alles allein tragen.
Maddy betrachtete den Satz kurz und ergänzte: Und ich möchte, dass er ebenfalls nicht alles allein tragen muss.
Spätestens nach ihrem gemeinsamen Filmabend ließ sich ihre Beziehung nicht mehr mit Unruhe oder zufälligen Cafébesuchen zusammenfassen. Liam war ihr wichtig. Nicht, weil jede Begegnung leicht oder unkompliziert gewesen war, sondern weil sie einander inzwischen nah genug waren, dass auch die schwierigen Dinge Platz zwischen ihnen haben durften.
Maddy setzte einen weiteren Satz darunter: Freundschaft bedeutet vielleicht, dass jemand bleibt, nachdem er die weniger einfachen Seiten gesehen hat.
Das passte zu Leben, fand sie. Nicht nur, weil Freundschaften wuchsen. Sondern weil sie gepflegt werden mussten, sich veränderten und manchmal gerade durch die Dinge stärker wurden, die sie ebenso gut hätten beenden können.
ie zog von Liams Namen zusätzlich eine Linie zu ALLES ERINNERT und ALLES BEGINNT AUFS NEUE.
Manche Menschen gehörten offenbar nicht ordentlich in eine einzelne Spalte.
Unter Liam schrieb sie: Harper
Und darunter: Das Auntys lebt nicht nur durch mich.
Harper war keine geheimnisvolle Spur. Zumindest nahm Maddy das nicht an. Sie arbeitete im Café, verabschiedete Gäste, erinnerte Maddy an Dinge und war manchmal bereits verschwunden, bevor Maddy bemerkte, wie viel Arbeit sie ihr abgenommen hatte. Das Auntys war Graces und Maddys Plan gewesen. Trotzdem gehörte sein tägliches Leben inzwischen nicht mehr ausschließlich Maddy. Menschen arbeiteten dort. Gäste kamen wieder. Gespräche fanden statt. Blumen wurden geliefert. Musik wurde gespielt. Dinge wurden vergessen.
Maddy schrieb: Etwas kann mein Zuhause sein, ohne nur mir zu gehören.
Sie betrachtete die erste Spalte. Mr. Houdin. Hifumi. Liam. Harper. Vier sehr unterschiedliche Formen von Leben.
Ein Kater, der sprach.
Eine junge Frau auf der Suche nach sich selbst.
Ein Freund, bei dem Nähe nicht davon abhing, dass alles einfach blieb.
Und jemand, der dafür sorgte, dass das Café auch dann funktionierte, wenn Maddy nicht überall gleichzeitig sein konnte.
„Das ist erstaunlich philosophisch für eine Tabelle“, stellte sie fest. Mr. Houdin schnurrte. Oder vielleicht atmete er nur laut.
Dann wanderte der Stift zur nächsten Spalte. ALLES ERINNERT
Maddy setzte den Stift an: Grace
Der Name stand allein auf dem Papier. Maddy betrachtete ihn lange und schrieb dann:
Ich erinnere mich an sie. Das Auntys erinnert an sie. Die Tagebücher tragen etwas von ihr weiter.
Nicht gut. Aber richtig genug. Sie fügte hinzu: Graces Tod hat die Dinge, die sie früher sagte, verändert.
Natürlich waren ihre Worte noch dieselben. Aber Maddy hörte sie heute anders. Gespräche über Leben und Tod, die damals nach den Gedanken einer eigenwilligen alten Frau geklungen hatten, wirkten nun wie Vorbereitungen. Vielleicht waren sie es gewesen. Vielleicht sah Maddy inzwischen nur Hinweise, weil sie verzweifelt nach ihnen suchte. Beides konnte stimmen.
Der nächste Eintrag war: Jasmin
Maddy erinnerte sich noch genau daran, wie sie Jasmin angerufen hatte. Grace hatte ihren Namen in der Nachricht erwähnt. Jasmin hatte Grace gekannt. Und offenbar hatte sie bereits damit gerechnet, dass Maddy sich irgendwann melden würde. Das war gleichzeitig beruhigend und beunruhigend gewesen.
Maddy schrieb: Sie erinnert sich an eine Seite von Grace, die ich nicht kannte.
Darunter: Grace vertraute darauf, dass ich sie finden würde. Oder zumindest anrufen.
Maddy hatte Jasmin alles erzählt. Gambit. Mr. Houdin. Die Karte. Das Tagebuch. Die Nachricht. Dinge, die laut ausgesprochen noch absurder geklungen hatten als in ihrem Kopf. Und trotzdem hatte sie sich anschließend weniger allein gefühlt.
Sie ergänzte: Manchmal tragen andere Menschen Erinnerungen an jemanden, die einem selbst fehlen.
Das war vermutlich ein Grund, warum Grace ihr Jasmins Namen hinterlassen hatte. Nicht zwingend, damit Jasmin ihr alle Antworten gab. Vielleicht nur, damit Maddy verstand, dass Grace außerhalb ihres gemeinsamen Lebens noch ein anderes gehabt hatte.
Der dritte Name war: Alan
Maddy dachte an Tee und Lakritze. Nicht jede Erinnerung musste etwas Magisches enthalten. Nicht jedes Gespräch war eine Spur in Graces großem Rätsel. Aber Alan war ihr im Gedächtnis geblieben.
Sie schrieb: Kurze Begegnungen können länger bleiben als erwartet.
Es war nicht viel. Aber es war ehrlich. Manchmal begegnete man jemandem nur für eine begrenzte Zeit, sprach über Dinge, die in diesem Moment wichtig waren, und ging anschließend wieder auseinander. Trotzdem blieb etwas zurück. Ein Gesicht. Eine Art zu sprechen. Eine Frage, die man sich später noch einmal stellte.
Maddy setzte darunter: Vielleicht erinnert nicht alles gleich laut.
Der letzte Eintrag in dieser Spalte war: Skolem
Maddy schrieb zunächst: Ein Traum von Kaffee.
Dann hielt sie inne. Das war der Name ihres gemeinsamen Spiels, erklärte aber noch nicht, weshalb es ihr im Gedächtnis geblieben war.
Also setzte sie darunter: Alte Kekse.
Maddy betrachtete die beiden Worte. Von allen Dingen, die jemand in einem Café verlangen konnte, hatte Skolem ausgerechnet alte Kekse gewollt. Nicht frische. Nicht besonders schöne oder ungewöhnliche. Alte. Damals hatte sie die Frage beschäftigt. Inzwischen tat sie es noch immer. Warum wollte jemand etwas, das seinen besten Zustand bereits hinter sich hatte? Ging es wirklich um die Kekse? Um ihren Geschmack? Ihr Alter? Darum, dass sie übrig geblieben waren? Oder hatte Maddy einer merkwürdigen Bestellung lediglich zu viel Bedeutung gegeben, weil sie seit Graces Tod überall nach Zusammenhängen suchte?
Sie schrieb: Warum wollte er ausgerechnet alte Kekse?
Darunter ergänzte sie: Manchmal bleibt nicht das große Gespräch zurück, sondern eine scheinbar nebensächliche Frage.
Vielleicht war genau das eine Spur. Nicht zwangsläufig eine magische. Nicht zwingend eine, die Grace für sie hinterlassen hatte. Aber etwas an Skolems Wunsch hatte sich in Maddys Erinnerung festgesetzt, während viele gewöhnliche Bestellungen längst wieder verschwunden waren.
Sie schrieb: Was macht etwas wertvoll, obwohl – oder gerade weil – es nicht mehr frisch ist?
Der Gedanke passte unangenehm gut zu Graces Satz. Alles lebte. Alles erinnerte. Alles starb. Und manches, dessen Zeit eigentlich vorbei zu sein schien, wurde von jemandem trotzdem bewusst gesucht.
Maddy zog eine kleine Linie von Skolems Namen zu ALLES STIRBT. Danach noch eine zu ALLES BEGINNT AUFS NEUE.
„Es waren nur Kekse“, murmelte sie. Mr. Houdin sah sie an. „Vermutlich.“
ALLES STIRBT
Maddy legte den Stift kurz beiseite. Die dritte Spalte war diejenige, die sie am liebsten leer gelassen hätte. Aber Grace hatte sie nicht weggelassen. Also konnte Maddy das ebenfalls nicht.
Sie schrieb erneut: Grace
Der Name stand nun zum zweiten Mal auf dem Blatt. Dieses Mal notierte sie: Sie ist gestorben.
Kein Kreislauf. Kein Neubeginn. Keine poetische Erklärung. Grace war tot. Maddy konnte ihren Kaffee nicht mehr mit ihr trinken. Sie konnte sie nicht fragen, warum sie ihr so viele leere Tagebücher hinterlassen hatte. Sie konnte sich nicht darüber beschweren, dass Hinweise keine angemessene Form der Kommunikation waren. Was immer Grace vorbereitet hatte, änderte nichts daran.
Maddy betrachtete den Satz und schrieb darunter: Was bleibt, ist nicht dasselbe wie der Mensch.
Das war wichtig. Das Tagebuch war nicht Grace. Das Auntys war nicht Grace. Mr. Houdin war nicht Grace. Und Maddy musste aus Graces Tod nichts Schönes machen, nur weil auf der Tagebuchseite etwas von einem Neubeginn stand.
Sie nahm den Stift fester in die Hand und schrieb den nächsten Namen: Gambit
Maddy verzog leicht den Mund. Kam. Gab mir eine Karte. Sagte mir, ich solle Graces Spuren folgen. Verschwand.
Das fasste die Begegnung erstaunlich gut zusammen. Gambit war in das Auntys gekommen, kurz vor Ladenschluss, und hatte etwas in Maddy ausgelöst, das sie nicht erklären konnte. Für einen Augenblick hatte sie Flügel gesehen - oder geglaubt, sie zu sehen. Dann hatte er von Grace gewusst. Von einer Tür. Von einem ersten Schritt. Und anschließend war er gegangen.
Maddy ergänzte: Manche Begegnungen enden, bevor man genug Fragen gestellt hat.
Darunter schrieb sie: Das Bild auf der Karte verschwand.
Das gehörte eigentlich nicht zu Gambit selbst. Trotzdem war es mit ihm verbunden. Etwas war nicht mehr da gewesen. Dafür war etwas anderes erschienen. Vielleicht bedeutete Sterben in Graces Satz nicht ausschließlich Tod. Vielleicht ging es auch um Dinge, die ihre bisherige Form verloren. Maddy hielt inne. Das klang gefährlich nah an einer Erklärung. Sie setzte ein Fragezeichen dahinter.
Der nächste Name bereitete ihr mehr Schwierigkeiten: Mateo
Maddy überlegte lange. Mateo gehörte nicht in diese Spalte, weil er gestorben war. Offensichtlich nicht! Es ging auch nicht darum, ihm irgendeine düstere Bedeutung zuzuschreiben.
Schließlich schrieb sie: Geschichten enden, wenn niemand sie weitererzählt.
Das war es, was sie mit Mateo verband. Geschichten. Neugier. Das Gefühl, dass eine gewöhnliche Begegnung größer werden konnte, sobald jemand begann, Fragen zu stellen. Mit Liam und Mateo war aus einem Besuch im Café mehr geworden als eine Bestellung.
Maddy schrieb weiter: Vielleicht stirbt eine Geschichte erst, wenn sie vergessen wird.
Dann zog sie einen kleinen Pfeil zur Spalte ALLES ERINNERT.
„Das ist offiziell keine Tabelle mehr.“ Mr. Houdin hob den Kopf. „Du hättest früher widersprechen können.“ Er legte ihn wieder ab.
Der letzte Name in dieser Spalte war: Presston
Maddy dachte an Missverständnisse, An die Frage, was eigentlich geschehen war und was davon bei Presston angekommen war. Später hatte es einen Topf voll Entschuldigung gegeben. Maddy kicherte und sah hinüber zu dem prächtigen Farn.
Maddy schrieb: Manchmal muss die eigene Erklärung sterben, bevor man versteht, wie etwas bei jemand anderem angekommen ist.
Sie sah den Satz an. Das klang hart. Aber vielleicht war es richtig. Eine gute Absicht machte eine Verletzung nicht ungeschehen. Und eine Entschuldigung bedeutete nicht, dass man rückwirkend recht bekam.
Maddy ergänzte: Recht haben und etwas wiedergutmachen sind nicht dasselbe.
Dann zog sie von Presstons Namen eine Linie in die vierte Spalte.
ALLES BEGINNT AUFS NEUE
Der erste Eintrag war bereits durch die Linie vorgegeben: Presston
Maddy schrieb: Eine Entschuldigung ändert nicht, was passiert ist. Aber sie kann verändern, was danach möglich ist.
Ob das immer funktionierte, wusste sie nicht. Ein Neubeginn bedeutete nicht automatisch Vergebung. Auch nicht, dass alles wieder so wurde wie vorher. Vielleicht war es vielmehr die Entscheidung, nicht an derselben Stelle stehenzubleiben.
Der nächste Name lautete: Elena
Maddy dachte an die Tagebuchseite. An Blut, Erde, Wasser und Asche. An Elenas Deutung und an die Verbena. Maddy verstand noch immer nicht genug, um sich sicher zu sein. Aber Elena hatte die Flecken nicht als zufällige Verschmutzungen betrachtet. Sie hatte darin etwas gesehen, das Maddy bisher gefehlt hatte.
Maddy schrieb: Sie gab den Dingen Namen, ohne mir die Entscheidung abzunehmen.
Darunter: Seit dem Gespräch sehe ich die Seite anders.
Das war ein Anfang. Noch keine Zugehörigkeit. Noch kein fertiger Weg. Aber eine neue Möglichkeit, die vorher nicht existiert hatte.
Maddy ergänzte: Eine Antwort kann eine größere Frage beginnen.
Der nächste Name war: Masamune
Maddy hielt den Stift über dem Papier. Bei Masamune war es schwer, einen einzelnen Satz zu finden. Da waren ihre Gespräche gewesen. Das Emerald Dusk. Gedanken, die er geäußert hatte und die später weiter in ihr gearbeitet hatten. Und dieses Nachhallen, das nicht nur seinen Worten galt, sondern auch dem, was seine Gedanken in Maddy berührten.
Sie schrieb: Manche Gespräche enden, aber ihre Richtung bleibt.
Das war noch nicht genug. Maddy ergänzte: Durch Masamune begann ich nicht nur über die Verbena nachzudenken, sondern darüber, weshalb mich manche ihrer Vorstellungen anziehen.
Sie las den Satz. Das war genauer. Maddy wusste noch nicht, was Verbena wirklich bedeutete. Sie wusste nur, dass etwas daran zu Grace, dem Tagebuch und vielleicht auch zu ihr selbst zu passen schien.
Der letzte Name, den sie zunächst in die Spalte schrieb, war: Maddy
Sie hielt inne. Das fühlte sich selbstgefällig an. Andererseits war es ihre Tabelle. Und Grace hatte geschrieben: Du bist verbunden.
Also schrieb Maddy: Nach Graces Tod war ich nicht mehr dieselbe.
Das war offensichtlich. Sie ergänzte: Das Auntys wurde trotzdem eröffnet. Nicht wegen Graces Tod. Trotzdem. Das war ein Unterschied, an dem Maddy festhalten wollte. Aus den leeren Seiten wurde eine Suche. Aus Mr. Houdin wurde jemand, dem ich Fragen stellen kann, die er meistens nicht beantwortet.
Ein leises Schnaufen vom Sofa. Maddy sah zu ihm. „Meistens.“
Sie schrieb weiter:
Aus Gambits Hinweis wurde der Anruf bei Jasmin.
Aus Elenas Worten wurde eine mögliche Richtung.
Aus der Freundschaft mit Liam wurde etwas, auf das ich mich verlassen kann.
Aus Skolems alten Keksen wurde eine Frage, die noch immer nicht verschwunden ist.
Aus den Begegnungen mit den anderen wurden Gedanken, die vorher nicht da waren.
Maddy legte den Stift ab. Die Tabelle war gefüllt. Nicht vollständig. Vermutlich würde sie das niemals sein. Einige Namen hätten ebenso gut in einer anderen Spalte stehen können. Eigentlich hätten fast alle in mehreren stehen können. Mr. Houdin lebte und erinnerte sich. Grace war gestorben und trotzdem begann durch ihre Tagebücher etwas Neues. Jasmin erinnerte sich an eine Seite von Grace, die Maddy selbst nicht gekannt hatte. Hifumi versuchte herauszufinden, welche ihrer vielen Seiten tatsächlich ihr selbst gehörten. Harper sorgte mit dafür, dass das Auntys nicht allein von Maddy getragen wurde. Liam war längst mehr als eine Folge einzelner Begegnungen. Er war ein enger Freund geworden. Jemand, dem sie vertraute und bei dem auch die schwierigen Dinge nicht automatisch das Ende bedeuteten. Mateos Geschichten lebten weiter, solange sich jemand an sie erinnerte. Alans kurze Begegnung war deutlicher geblieben als manches lange Gespräch. Presstons Entschuldigung gehörte gleichzeitig zu einem Ende und zu der Möglichkeit, anders weiterzumachen. Elena hatte Graces Spuren nicht geschaffen, aber Maddys Blick darauf verändert. Skolem hatte mit einer scheinbar einfachen Bitte eine Frage hinterlassen, die Maddy noch immer nicht beantworten konnte. Und schließlich Masamune, dessen Gespräch so viel mehr in Maddy angestoßen hatte, als eine zufällig Begegnung es für gewöhnlich tat.
Maddy hielt all die Gedanken fest, bevor sie sich wieder zwischen anderen verstecken konnten.
Sie nahm einen neuen Stift und schrieb unter die Tabelle: DU BIST VERBUNDEN
Dann zog sie einen Kreis um die Worte. Von dort aus führte sie Linien zu den einzelnen Namen.
Grace
Mr. Houdin
Gambit
Jasmin
Hifumi
Harper
Liam
Mateo
Alan
Presston
Elena
Skolem
Masamune
Das Blatt sah zunehmend aus, als versuche Maddy einen Mordfall zu lösen, ohne vorher zu klären, ob überhaupt jemand ermordet worden war. Sie lehnte sich zurück.
„Das ist vollkommen unbrauchbar.“ Mr. Houdin stand auf, streckte sich und sprang vom Sofa. Langsam ging er um das Blatt herum, ohne daraufzutreten, und setzte sich auf die andere Seite des Tisches. Maddy betrachtete ihn. „Oder?“ Der Kater schwieg. „Du könntest wenigstens so tun, als würdest Du darüber nachdenken.“ Mr. Houdin sah auf die Tabelle.
Maddy folgte seinem Blick. All die Namen. All die Linien.
Für einen Moment fragte sie sich, ob sie den Hinweis falsch verstanden hatte. Vielleicht meinte Du bist verbunden etwas vollkommen anderes. Etwas Magisches. Etwas, das Jasmin oder Elena sofort erklären könnten.
Aber Grace hatte nicht geschrieben, dass Maddy jemanden nach der Lösung fragen sollte. Sie sollte den Spuren folgen.
Maddy nahm den Stift erneut auf und schrieb unter das wirre Geflecht: Nicht die Menschen sind die Spuren.
Sie hielt inne. Dann ergänzte sie: Die Dinge, die nach ihnen in mir zurückbleiben, könnten welche sein.
Das fühlte sich richtiger an. Sie musste aus niemandem einen Teil von Graces Plan machen. Gambit vielleicht ausgenommen. Der hatte sich selbst ziemlich eindeutig in die Angelegenheit eingemischt. Aber Liam, Hifumi, Mateo, Alan, Presston, Elena, Skolem und Masamune waren keine Rätselstücke, die Maddy nur richtig anordnen musste. Sie waren Menschen, denen sie begegnet war. Manche nur kurz. Andere oft genug, dass aus Begegnungen Beziehungen geworden waren. Liam war inzwischen ein enger Freund und damit längst mehr als eine einzelne Begegnung. Bei ihm ging es nicht darum, was nach einem Besuch zurückblieb, sondern darum, was zwischen ihnen weitergewachsen war. Skolem dagegen hatte vor allem eine Frage hinterlassen. Eine kleine, beinahe lächerliche Frage über alte Kekse, die Maddy trotzdem nicht losließ. Was Maddy untersuchen konnte, waren ihre eigenen Erinnerungen. Ihre Gedanken. Die Beziehungen, die sich verändert hatten. Die Momente, die länger geblieben waren als andere. Und die Fragen, die nach einer Begegnung nicht wieder verschwanden.
Maddy zog ein zweites Blatt heran.
Darauf schrieb sie: Spuren, denen ich folgen kann, ohne jemanden zum Teil meines Rätsels zu machen
Darunter begann sie eine neue Liste.
- Grace: Welche ihrer früheren Aussagen verstehe ich heute anders?
- Mr. Houdin: Wann reagiert er auf ein Tagebuch, einen Gegenstand oder einen Namen, ohne dass ich ihn dazu auffordere?
- Gambit: Was genau geschah mit der Karte, nachdem ich sie in das Tagebuch gelegt hatte?
- Jasmin: Was hat Grace ihr über mich gesagt – und was nicht?
- Hifumi: Warum beschäftigten mich ihre unterschiedlichen Seiten so sehr?
- Harper: Welche Veränderungen im Auntys bemerkt sie vielleicht früher als ich?
- Liam: Warum war es bei ihm irgendwann selbstverständlich geworden, dass Maddy sich auf ihn verließ? Was hatte ihre Freundschaft durch schwierige Momente getragen, statt daran zu zerbrechen? Und woran konnte sie erkennen, wenn Liam selbst jemanden brauchte, ohne dass er es ausdrücklich sagte?
- Mateo: Welche Geschichte begann mit seinem Besuch im Café eigentlich wirklich?
- Alan: Warum blieb mir ein verhältnismäßig kurzes Gespräch so deutlich im Gedächtnis?
- Presston: Was hatte ich aus dem Missverständnis gelernt, bevor ich mich entschuldigte?
- Elena: Welche ihrer Worte passten zu Dingen, die ich bereits selbst erlebt hatte?
- Skolem: Warum wollte er ausgerechnet alte Kekse? Ging es wirklich nur um die Kekse oder um etwas, das bereits älter, übrig geblieben oder von anderen nicht mehr gewollt war? Warum war Maddy gerade diese Frage so deutlich im Gedächtnis geblieben?
- Masamune: Welche seiner Gedanken hatten mich berührt – und warum?
Maddy blickte zu den Tagebüchern. Drei lagen auf dem Tisch. Weitere befanden sich in den Kartons am Schreibtisch. Andere im Keller. Grace hatte geschrieben, dass es Schlüssel gab. Mehrere. Die offenbarte Seite war also vermutlich nicht die letzte. Vielleicht nicht einmal die erste, die sie hätte finden sollen.
Maddy nahm das oberste der vermeintlich leeren Tagebücher in die Hand. Sie blätterte hindurch. Leere Seite, Leere Seite und noch eine leere Seite. „Das ist wirklich nicht besonders motivierend.“ Mr. Houdin sprang neben sie auf das Sofa.
Maddy ließ das Tagebuch sinken und betrachtete erneut die Tabelle. Sie würde heute keine weitere Seite offenbaren. Sie wusste nicht einmal, ob sie das absichtlich konnte. Aber sie konnte ihre bisherigen Spuren ordnen. Sie konnte Graces Bücher durchsehen. Sie konnte notieren, wann ihr etwas auffiel. Und sie konnte damit aufhören, von sich zu erwarten, dass sie bereits wusste, wonach sie suchte. Suchende wussten vermutlich selten im Voraus, was sie fanden.
Schließlich schlug Maddy selbst eine leere Seite eines nagelneuen Notizbuches auf.
Oben schrieb sie: Graces Tagebücher
Darunter: No. 1 – Was bereits Spuren hinterlassen hat
Dann übertrug sie die Namen aus ihrer Tabelle. Nicht alle Erklärungen. Nur die Namen und die Fragen.
Als sie fertig war, schrieb sie ganz unten: Heute habe ich keine Antwort gefunden.
Maddy hielt kurz inne und setzte dahinter: Aber vielleicht zum ersten Mal verstanden, wo ich anfangen kann.
Sie legte den Stift in die Mitte des aufgeschlagenen Buches. Das war vermutlich keine besonders eindrucksvolle magische Handlung.
Kein Licht. Keine neue Schrift. Kein weiteres Bild. Nur Maddy, die auf dem Boden ihrer noch immer nicht vollständig eingerichteten Wohnung saß und versuchte, aus den vergangenen Monaten etwas zu machen, das sich verfolgen ließ.
Aber Gambit hatte gesagt, dass niemand den ersten Schritt für sie übernehmen konnte. Vielleicht musste ein erster Schritt nicht groß sein. Vielleicht musste er nur in die richtige Richtung führen.
Maddy ließ den Blick noch einmal über die Namen, Linien und Fragen auf den losen Blättern wandern.
Am Ende blieben ihre Gedanken aber an einem einzigen Wort hängen: Verbena.
Sie hatte es inzwischen von mehr als einer Person gehört. Erst als mögliche Spur, dann als Erklärung, später als Richtung. Elena hatte den Begriff mit der Tagebuchseite verbunden. Masamune hatte ihm mehr Gewicht gegeben, als Maddy erwartet hatte. Und selbst in Graces Worten schien inzwischen etwas davon mitzuschwingen, obwohl Maddy nicht sagen konnte, ob das tatsächlich stimmte oder ob sie nur begann, überall danach zu suchen. Trotzdem fühlte sich das Wort nicht fremd an. Eher wie etwas, das sie wiedererkannte, ohne sich erinnern zu können, woher.
Blut. Erde. Wasser. Asche.
Leben, Erinnerung, Tod und Neubeginn.
Dinge, die vorher einzeln gewesen waren und plötzlich zusammengehörten. Maddy nahm den Stift erneut auf und schrieb unter ihre bisherigen Notizen: Verbena
Daneben setzte sie keine Erklärung, nur eine einzelne unscheinbare Frage: Warum fühlt sich das so richtig an?
Sie betrachtete die Worte lange. Das war keine Entscheidung. Noch nicht. Aber vielleicht war es die erste Spur, der sie nicht nur folgen wollte, weil Grace sie darum gebeten hatte.
Maddy schloss die anderen Tagebücher und ließ nur das neue Notizbuch, ihr eigenes Notizbuch geöffnet.
Ganz unten ergänzte sie: Als Nächstes finde ich heraus, wer die Verbena wirklich sind.
Mr. Houdin hob den Kopf. Maddy sah zu ihm. „Diesmal wäre ein klarer Hinweis ausnahmsweise hilfreich.“ Der Kater blinzelte langsam. Natürlich. Maddy legte den Stift zwischen die Seiten.
Dann würde sie eben selbst suchen.