Das Café hatte den ganzen Tag vor Gästen geradezu gesummt. An Samstagen fanden auch immer einige Menschen dort hin, die irgendwo zwischen Touristen und Locals changierten und sich von dem schlichten Charme der Aunty's Coffebar angezogen fühlten.
War der Raum zuvor von Stimmen gefüllt und hatten die grünen Industrieleuchten beinahe im Gewirr vibriert, so war nun Ruhe eingetreten. Die Gäste waren wohl auf dem Weg nach Hause - oder auf zu weiteren Vergnügungen - und für Madison blieb es nur noch ein wenig aufzuräumen und auf ihre Verabredung zu warten.
Als sie damit beschäftigt war, die letzten Zeichen eines langen aber erfolgreichen Tags zu beseitigen, drang das helle Schellen des kleinen Glöckchens plötzlich durch den Raum und eine junge Frau betrat den Raum, als wäre das vollkommen selbstverständlich.
In der Abendsonne leuchtete ihr glattes, blondes Haar beinahe als wäre es eine eigene Lichtquelle und bildete einen harten Kontrast zu dem schwarz-rotenn Mantel aus schweren Wollstoff mit dem hohen Kragen, dessen Spitzen beinahe in ihr kantiges Gesicht zu stechen schienen. Über ihre Schulter hing eine überraschend große Kuriertasche, deren Gewicht sie aber überraschend wenig zu beeinträgtigen schien.
Während sie eintrat, lag ein breites Lächeln auf ihren Zügen und ihre Finger streiften verspielt über einen der Tische am Eingang, ehe sie sich der Besitzerin des Cafés zuwandte und sie mit einem non chalanten "Hi Madison" begrüßte als wären sie eigentlich gute Freunde oder auf dem Weg dahin.
Verbena nach Ladenschluss [Madison, SL]
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Re: Verbena nach Ladenschluss [Madison, SL]
Das helle Schellen des Glöckchens durchbrach die Stille und ließ Maddy von dem Tisch aufsehen, über den sie bereits zum zweiten Mal mit einem feuchten Tuch wischte. Nicht, weil er noch schmutzig gewesen wäre. Eigentlich war schon seit einer ganzen Weile alles erledigt. Die Stühle standen ordentlich an den Tischen, die Vitrinen waren gereinigt und selbst die Kaffeemaschine glänzte so sehr, dass sich das Licht der grünen Lampen darin spiegelte.
Nur Maddy hatte noch keine Ruhe gefunden.
Ihr Handy lag mit dem Display nach unten auf der Theke. Die Nachrichten zwischen Jasmin und ihr hatte sie während des Wartens trotzdem mehrfach gelesen. Jasmins Angebot war darin beinahe beiläufig erschienen. Ein Gespräch über die Verbena, ein Gespräch mit den Verbena.
Dieses eine Wort, das Maddy in den vergangenen Monaten immer wieder gehört hatte und dessen Gedanke etwas in ihr berührte, das sie selbst noch nicht richtig benennen konnte. Und vielleicht auch ein Gespräch über Grace. Und hoffentlich ein Gespräch mit Verena, deren Name nicht minder oft gefallen war.
Allein diese Gedanken hatten gereicht, um Maddys Antwort viel länger werden zu lassen, als es die wenigen Zeilen vermuten ließen. Sie hatte geschrieben, gelöscht und wieder neu begonnen, bevor sie Jasmins Angebot schließlich angenommen hatte.
Nun war sie tatsächlich hier.
Maddys Blick blieb zuerst an dem schweren schwarz-roten Mantel hängen, wanderte hinauf zu Jasmins hellem Haar und schließlich zu der großen Tasche über ihrer Schulter. Sie hatte Jasmin erwartet und war trotzdem für einen kurzen Moment von ihrer selbstverständlichen Art überrumpelt. Jasmin trat in das geschlossene Café, als wäre es vollkommen normal, nach Ladenschluss mit einer beinahe übergroßen Kuriertasche im Aunty’s aufzutauchen und Madison zu begrüßen, als würden sie sich jede Woche hier treffen.
Aber schnell breitete sich ein ehrliches Lächeln auf Maddys Gesicht aus. „Hi Jasmin.“
Jasmins selbstverständliche Art nahm dem Moment jede Schwere. Sie tastete sich nicht vorsichtig vor, machte aus ihrem Besuch nichts Besonderes, sondern trat einfach ein, als wäre es das Natürlichste der Welt, jetzt hier zu sein. Maddy gefiel diese Leichtigkeit. Sie ließ ihr zudem keine Zeit, sich in ihrer eigenen Unsicherheit zu verfangen, sondern machte es erstaunlich einfach, sich auf das Kommende zu freuen.
Und so legte Maddy das Tuch zur Seite und wischte ihre noch feuchten Hände an der grünen Schürze ab. Unter ihr trug sie eine schwarze Latzhose und ein senfgelbes T-Shirt, dessen Ärmel sie bis zu den Ellenbogen hochgeschoben hatte. Eine lange Kette verschwand unter dem Ausschnitt ihres Shirts. Einige Strähnen hatten sich aus ihrem locker gebundenen Pferdeschwanz gelöst und fielen ihr ins Gesicht.
„Maddy reicht übrigens vollkommen.“ Ihr Lächeln wurde ein wenig breiter. „Bei Madison habe ich immer das Gefühl, etwas ausgefressen zu haben.“
Maddy ging an Jasmin vorbei zur Tür, drehte das kleine Schild endgültig auf Closed, bevor sie die Tür für weitere Nachtschwärmer verschloss. Als sie sich wieder umwandte, wanderte ihr Blick unwillkürlich erneut zu der großen Tasche. Die Neugier war ihr vermutlich anzusehen, auch wenn sie sich bemühte, nicht allzu auffällig hinzustarren.
„Du hast ja einiges mitgebracht.“
Es klang nicht misstrauisch. Eher wie eine vorsichtig ausgesprochene Feststellung, hinter der sich bereits ein halbes Dutzend Fragen drängte. Maddy stellte jedoch keine davon. Noch nicht.
Stattdessen deutete sie auf einen der Tische nahe der Theke. Dort standen bereits zwei leere Untertassen, eine Karaffe mit frischem Wasser, sowie zwei kleinen Gläsern bereit. Daneben hatte Maddy einen kleinen Teller mit Gebäck hingestellt. Und weil Maddy sich daran erinnerte, dass Jasmin hungrig war bei ihrem letzten Besuch im Café, stand dort auch noch ein weiterer Teller mit kleinen Sandwiches.
Maddy hatte sich eingeredet, dass sie die Dinge nur vorsorglich bereitgestellt hatte. Tatsächlich hatte sie aber vermutlich einfach etwas gebraucht, mit dem sie ihre Hände beschäftigen konnte. Aber vielleicht gab auch die letzte WhatsApp von Jasmin den Anstoß. In der hatte Jasmin ihr mitgeteilt, wie sie ihren Kaffee gerne trank.
„Setz dich doch.“ Maddy ging bereits hinter die Theke. „Der Kaffee kommt gleich.“ Und schon zischte die blitzblanke Maschine und verströmte den vollmundigen Geruch von frisch gemahlenem Kaffee.
Maddy hielt kurz inne und sah zu Jasmin hinüber. Trotz ihres Lächelns lag eine leise Anspannung in ihrem Blick. Es war etwas anderes, von den Verbena zu hören oder allein in Graces Tagebüchern nach Antworten zu suchen. Jasmin in das Aunty’s einzuladen, fühlte sich an wie eine bewusste Entscheidung. Als hätte Maddy nicht länger nur darauf gewartet, dass sich irgendwann zufällig eine weitere Tür öffnete, sondern zum ersten Mal selbst die Hand nach der Klinke ausgestreckt.
„Ich freue mich wirklich, dass du gekommen bist“, sagte sie etwas leiser. Dabei strichen ihre Finger unbewusst über die Theke und fühlten die feine Maserung des Holzes.
„Dein Angebot ist mir seit unserem Gespräch nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Ich weiß noch nicht besonders viel über die Verbena. Eigentlich weiß ich kaum genug, um die richtigen Fragen zu stellen.“ Maddy verzog kurz den Mund. „Was mich normalerweise nicht davon abhält, trotzdem sehr viele zu haben.“
Für einen Moment senkte sie den Blick. Als sie wieder zu Jasmin sah, war ihre Neugier noch immer da, aber auch etwas Vorsichtigeres. Etwas Persönlicheres.
„Und dann ist da Grace.“ Maddy atmete langsam aus. „In letzter Zeit habe ich immer häufiger das Gefühl, dass andere Menschen Seiten von ihr kannten, von denen ich überhaupt nichts wusste. Vielleicht hat sie mir absichtlich nichts davon erzählt. Vielleicht dachte sie, dass ich noch nicht bereit dafür bin.“ <...und damit hatte sie definitiv recht behalten!> fügte sie still in Gedanken hinzu.
Sie schwieg einen Moment und blickte durch das leere Café, das ohne seine Gäste plötzlich viel größer wirkte.
In Gedanken schoss das letzte Halbe Jahr vor ihrem geistigen Augen vorbei. Die Verdrängung des Erwachens, ihr persönlicher Stillstand, die vielen Stuppser von Houdin, der damit seine Unzufriedenheit mit ihr und ihrem fehlenden Fortschritt bekundete, die Trauer um Grace und die daraus entstandene Leere und letztlich der Fokus auf dem Café. Sie hatte sich in ihre Arbeit gestürzt, um sich nicht mit all dem Neuen auseinander setzen zu müssen.
„Aber ich glaube, jetzt möchte ich es wissen.“
Maddy wandte sich wieder Jasmin zu. Ihr Lächeln war zurückgekehrt, wenn auch etwas zurückhaltender als zuvor. Dann nahm sie die beiden dampfenden Kaffeetassen, umrundete die Theke und setzte sich an den vorbereiteten Tisch.
Nur Maddy hatte noch keine Ruhe gefunden.
Ihr Handy lag mit dem Display nach unten auf der Theke. Die Nachrichten zwischen Jasmin und ihr hatte sie während des Wartens trotzdem mehrfach gelesen. Jasmins Angebot war darin beinahe beiläufig erschienen. Ein Gespräch über die Verbena, ein Gespräch mit den Verbena.
Dieses eine Wort, das Maddy in den vergangenen Monaten immer wieder gehört hatte und dessen Gedanke etwas in ihr berührte, das sie selbst noch nicht richtig benennen konnte. Und vielleicht auch ein Gespräch über Grace. Und hoffentlich ein Gespräch mit Verena, deren Name nicht minder oft gefallen war.
Allein diese Gedanken hatten gereicht, um Maddys Antwort viel länger werden zu lassen, als es die wenigen Zeilen vermuten ließen. Sie hatte geschrieben, gelöscht und wieder neu begonnen, bevor sie Jasmins Angebot schließlich angenommen hatte.
Nun war sie tatsächlich hier.
Maddys Blick blieb zuerst an dem schweren schwarz-roten Mantel hängen, wanderte hinauf zu Jasmins hellem Haar und schließlich zu der großen Tasche über ihrer Schulter. Sie hatte Jasmin erwartet und war trotzdem für einen kurzen Moment von ihrer selbstverständlichen Art überrumpelt. Jasmin trat in das geschlossene Café, als wäre es vollkommen normal, nach Ladenschluss mit einer beinahe übergroßen Kuriertasche im Aunty’s aufzutauchen und Madison zu begrüßen, als würden sie sich jede Woche hier treffen.
Aber schnell breitete sich ein ehrliches Lächeln auf Maddys Gesicht aus. „Hi Jasmin.“
Jasmins selbstverständliche Art nahm dem Moment jede Schwere. Sie tastete sich nicht vorsichtig vor, machte aus ihrem Besuch nichts Besonderes, sondern trat einfach ein, als wäre es das Natürlichste der Welt, jetzt hier zu sein. Maddy gefiel diese Leichtigkeit. Sie ließ ihr zudem keine Zeit, sich in ihrer eigenen Unsicherheit zu verfangen, sondern machte es erstaunlich einfach, sich auf das Kommende zu freuen.
Und so legte Maddy das Tuch zur Seite und wischte ihre noch feuchten Hände an der grünen Schürze ab. Unter ihr trug sie eine schwarze Latzhose und ein senfgelbes T-Shirt, dessen Ärmel sie bis zu den Ellenbogen hochgeschoben hatte. Eine lange Kette verschwand unter dem Ausschnitt ihres Shirts. Einige Strähnen hatten sich aus ihrem locker gebundenen Pferdeschwanz gelöst und fielen ihr ins Gesicht.
„Maddy reicht übrigens vollkommen.“ Ihr Lächeln wurde ein wenig breiter. „Bei Madison habe ich immer das Gefühl, etwas ausgefressen zu haben.“
Maddy ging an Jasmin vorbei zur Tür, drehte das kleine Schild endgültig auf Closed, bevor sie die Tür für weitere Nachtschwärmer verschloss. Als sie sich wieder umwandte, wanderte ihr Blick unwillkürlich erneut zu der großen Tasche. Die Neugier war ihr vermutlich anzusehen, auch wenn sie sich bemühte, nicht allzu auffällig hinzustarren.
„Du hast ja einiges mitgebracht.“
Es klang nicht misstrauisch. Eher wie eine vorsichtig ausgesprochene Feststellung, hinter der sich bereits ein halbes Dutzend Fragen drängte. Maddy stellte jedoch keine davon. Noch nicht.
Stattdessen deutete sie auf einen der Tische nahe der Theke. Dort standen bereits zwei leere Untertassen, eine Karaffe mit frischem Wasser, sowie zwei kleinen Gläsern bereit. Daneben hatte Maddy einen kleinen Teller mit Gebäck hingestellt. Und weil Maddy sich daran erinnerte, dass Jasmin hungrig war bei ihrem letzten Besuch im Café, stand dort auch noch ein weiterer Teller mit kleinen Sandwiches.
Maddy hatte sich eingeredet, dass sie die Dinge nur vorsorglich bereitgestellt hatte. Tatsächlich hatte sie aber vermutlich einfach etwas gebraucht, mit dem sie ihre Hände beschäftigen konnte. Aber vielleicht gab auch die letzte WhatsApp von Jasmin den Anstoß. In der hatte Jasmin ihr mitgeteilt, wie sie ihren Kaffee gerne trank.
„Setz dich doch.“ Maddy ging bereits hinter die Theke. „Der Kaffee kommt gleich.“ Und schon zischte die blitzblanke Maschine und verströmte den vollmundigen Geruch von frisch gemahlenem Kaffee.
Maddy hielt kurz inne und sah zu Jasmin hinüber. Trotz ihres Lächelns lag eine leise Anspannung in ihrem Blick. Es war etwas anderes, von den Verbena zu hören oder allein in Graces Tagebüchern nach Antworten zu suchen. Jasmin in das Aunty’s einzuladen, fühlte sich an wie eine bewusste Entscheidung. Als hätte Maddy nicht länger nur darauf gewartet, dass sich irgendwann zufällig eine weitere Tür öffnete, sondern zum ersten Mal selbst die Hand nach der Klinke ausgestreckt.
„Ich freue mich wirklich, dass du gekommen bist“, sagte sie etwas leiser. Dabei strichen ihre Finger unbewusst über die Theke und fühlten die feine Maserung des Holzes.
„Dein Angebot ist mir seit unserem Gespräch nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Ich weiß noch nicht besonders viel über die Verbena. Eigentlich weiß ich kaum genug, um die richtigen Fragen zu stellen.“ Maddy verzog kurz den Mund. „Was mich normalerweise nicht davon abhält, trotzdem sehr viele zu haben.“
Für einen Moment senkte sie den Blick. Als sie wieder zu Jasmin sah, war ihre Neugier noch immer da, aber auch etwas Vorsichtigeres. Etwas Persönlicheres.
„Und dann ist da Grace.“ Maddy atmete langsam aus. „In letzter Zeit habe ich immer häufiger das Gefühl, dass andere Menschen Seiten von ihr kannten, von denen ich überhaupt nichts wusste. Vielleicht hat sie mir absichtlich nichts davon erzählt. Vielleicht dachte sie, dass ich noch nicht bereit dafür bin.“ <...und damit hatte sie definitiv recht behalten!> fügte sie still in Gedanken hinzu.
Sie schwieg einen Moment und blickte durch das leere Café, das ohne seine Gäste plötzlich viel größer wirkte.
In Gedanken schoss das letzte Halbe Jahr vor ihrem geistigen Augen vorbei. Die Verdrängung des Erwachens, ihr persönlicher Stillstand, die vielen Stuppser von Houdin, der damit seine Unzufriedenheit mit ihr und ihrem fehlenden Fortschritt bekundete, die Trauer um Grace und die daraus entstandene Leere und letztlich der Fokus auf dem Café. Sie hatte sich in ihre Arbeit gestürzt, um sich nicht mit all dem Neuen auseinander setzen zu müssen.
„Aber ich glaube, jetzt möchte ich es wissen.“
Maddy wandte sich wieder Jasmin zu. Ihr Lächeln war zurückgekehrt, wenn auch etwas zurückhaltender als zuvor. Dann nahm sie die beiden dampfenden Kaffeetassen, umrundete die Theke und setzte sich an den vorbereiteten Tisch.
Zuerst Kaffee. Die Welt retten wir später. (C.George)