Oshōgatsu (Sylvester in Japan)

Antworten
Benutzeravatar
Masamune
Akashayana
Beiträge: 334
Registriert: Do 28. Mär 2024, 18:23

Oshōgatsu (Sylvester in Japan)

Beitrag von Masamune »

Osechi Ryōri

Der Regen hatte in der Nacht nachgelassen, aber die Straßen Seattles glänzten noch, als wären sie mit schwarzem Lack überzogen. Vor dem ehemaligen Supermarkt, in dessen Schaufenstern nun Kalligraphien, Bambusmatten und ein schlichtes Holzschild mit dem Namen und das Logo des Dojos hingen, zog ein kalter Wind durch die Häuserschluchten. Ein paar verirrte Partygänger aus der Downtown hatten sich erst vor wenigen Stunden nach Hause geschleppt, der Geruch von abgestandenem Bier und Fast Food hing noch schwach in der Luft. Es war der 29. Dezember. Früher Morgen.

Drinnen war davon nichts zu spüren.

Im Dojo roch es nach Reis, Sojasauce und dem leichten, warmen Duft von Dashi, der seit einer Stunde auf dem Herd zog. Die Neonlichter, die früher Warenregale beleuchtet hatten, waren längst entfernt worden. Stattdessen sorgten jetzt einfache, warme Lampen für ein weiches, goldenes Licht, das an frühen Morgenstunden in einer japanischen Vorstadt erinnerte – nur das ferne Heulen einer Polizeisirene, das kurz von draußen herübersickerte, verriet die amerikanische Stadt hinter den dünnen Wänden.

In der kleinen Küche, die früher einmal zur Personalzone des Supermarkts gehört hatte, war der ehemalige Fliesenspiegel jetzt mit einfachen Holzlatten verkleidet. An einem Haken hing ein altes, etwas ausgeblichenes Tenugui mit dem Schriftzeichen für „Ken“ – Schwert, nicht nur im wörtlichen Sinn, sondern als Prinzip. Darunter standen zwei Gasherde, einer davon schon alt und mit verfärbten Knöpfen, der andere ein relativ neues, glänzendes Modell, das Masamune nach seinem Einzug gekauft hatte – mehr ein Zeichen dafür, dass er „angekommen“ war, als dass er es gebraucht hätte.

Das leise Brodeln der Dashi in einem tiefen Topf füllte den Raum mit beruhigender Beständigkeit.

Masamune stand barfuß auf dem etwas zu kalten Boden, die Sohlen seitlich leicht gespreizt, das Gewicht gleichmäßig verteilt. Es war die gleiche Präsenz, die er in der Kampfhaltung einnahm. Die Flamme unter dem Topf zischte leise, als wieder ein winziger Tropfen Kondenswasser vom Deckel zurück in die Brühe fiel. Draußen vor der Glastür des Dojos zog ein Lieferwagen vorbei, die Scheinwerfer warfen verzerrte Lichtbänder an die Decke, doch hier, im warmen Dunst der Küche, schien das Alles weit weg zu sein.

Masamune legte die frisch geschnittenen Stücke Renkon in eine Schüssel mit Wasser, in das seine Mutter einen Spritzer Reisessig gegeben hatte. Die hellen Lotuswurzelscheiben schimmerten im klaren Wasser, das kreisförmige Lochmuster wirkte für einen Moment wie kleine, geöffnete Augen, die vom Boden der Schüssel zu ihm heraufsahen.

Seine Mutter stellte neben ihm eine zweite Schüssel ab, in der bereits in feinen Fächerformen geschnittene Karotten und Kabu-Rübchen lagen. Die Stücke waren gleichmäßig, beinahe identisch – jede Bewegung des Messers war so kontrolliert, dass kein Zentimeter verschwendet wurde.

„Deine Hand ist angespannter als letztes Jahr“, sagte sie plötzlich, ohne aufzublicken.

Masamune hielt das Messer noch einen Moment über der Lotuswurzel, als wollte er etwas erwidern, das sich aber nicht richtig formen wollte. Stattdessen setzte er die Klinge an und schnitt weiter, die dünnen Scheiben fielen in regelmäßigen Abständen auf das Brett, jede einzelne ein kleines, weißes Rad mit den typischen Löchern.

„Hm“, machte er nur.

Seine Mutter sah ihn aus dem Augenwinkel an. „Dieses ‚hm‘ kenne ich. Es ist nicht das ‚hm‘ für: ‚Es ist nichts, mach dir keine Sorgen.‘ Es ist das ‚hm‘ für: ‚Es ist etwas, und ich werde es dir nicht sagen‘.“

Die Art, wie sie es sagte, war nicht vorwurfsvoll, eher trocken feststellend. Masamune verzog leicht den Mund.

„Es ist…“ Er hielt inne, legte das Messer kurz ab und wischte sich die Finger an einem sauberen Tuch ab. „Es ist nur das Turnier.“

Sie reagierte nicht sofort. Das leise Klacken des Holzdeckels, den sie auf einen weiteren Topf legte, klang laut durch die Stille. Seine Mutter ließ das Tuch sinken und drehte sich etwas mehr zu ihm, so weit, wie es der schmale Küchenraum zuließ.

„Also doch.“ Sie tippte mit dem Finger gegen den Rand des Topfes, als würde sie die Temperatur der Situation prüfen, nicht die der Brühe. „Du hast es bisher vermieden, das Wort überhaupt in den Mund zu nehmen - außer als du Hilfe mit den Anzügen brauchtest.“

Masamune straffte unwillkürlich die Schultern. Das war ihm selbst unangenehm aufgefallen: wie er in den letzten Wochen um das Thema herumgetänzelt war, obwohl das Turnier wie ein Fixstern am Horizont des kommenden Jahres stand. Er atmete einmal langsam aus.

„Es ist nur ein Turnier“, sagte er, und noch während er die Worte aussprach, hörte er, wie falsch sie klangen.

Seine Mutter hob eine Augenbraue. „Nur? Für dich gibt es nur selten ein ‚nur‘.“

Er nahm das Messer wieder auf, mehr um sich zu beschäftigen, als weil es nötig gewesen wäre, und begann, die letzten Stücke Renkon zu fächern. Die Klinge glitt vertraut durch das Fruchtfleisch. Er ließ das Messer einen Moment in der Luft verharren, dann legte er es schließlich doch ganz beiseite. Es war sinnlos, sich hinter der Bewegung zu verstecken; seine Mutter las seine Haltung ohnehin wie ein offenes Buch.

„Es ist nicht nur ein Turnier“, sagte er schließlich. „Es ist… das erste Große, seit ich das Dojo eröffnet habe. Nicht nur ein lokales Treffen, nicht nur ein Freundschaftskampf mit den Leuten aus der Nachbarschaft.“ Er atmete ruhig ein, aus, sortierte die Worte innerlich, wie er eben die Gemüsestücke sortiert hatte. „Die anderen Dojos schauen hin. Potenzielle Sponsoren. Die Nachbarschaft. Und meine Schüler. Andere Dojos und deren Schüler.“

Seine Mutter schwieg, doch ihre Hände bewegten sich weiter – sie nahm die Renkon-Scheiben aus der Schüssel, schüttelte sie sanft ab, drapierte sie ordentlich auf einem sauberen Tuch. Ihre Bewegungen strahlten eine Ruhe aus, die ihn zugleich beruhigte und reizte.

„Du hast schon größere Dinge erlebt als ein Turnier“, meinte sie dann leise.

Masamunes Blick glitt kurz zur Küchentür, hinter der der Hauptraum des Dojos lag. Die gedämpfte Stille, die dort jetzt herrschte, stand in starkem Kontrast zu den Bildern in seinem Kopf: die Matten voll, das dumpfe Aufprallen von Körpern, Rufe, Applaus – und am Rand Leute, die keine Ahnung von Jiu Jitsu hatten, aber sehr genau darauf achten würden, ob dieses „komische Dojo im alten Supermarkt“ ernst zunehmen war.

„Ja“, erwiderte er schließlich. „Aber das hier…“ Er hielt kurz inne, suchte nach einem Vergleich, den sie beide teilten. „Das ist kein Kampf, in dem nur ich falle, wenn ich einen Fehler mache.“

Sie legte die letzten Lotuswurzel-Scheiben nebeneinander und deckte sie mit einem leicht feuchten Tuch ab, damit sie nicht austrockneten. „Du hast Verantwortung“, fasste sie es zusammen, ohne Pathos. „Und du bist…“ sie musterte ihn seitlich, „aufgeregt.“

Er schnaubte leise. „Nur ein wenig.“

„Für deine Verhältnisse: sehr.“ Ein kaum merkliches Lächeln huschte über ihre Lippen. Dann wandte sie sich wieder dem Herd zu. Sie hob mit geübter Bewegung den Deckel des Topfes an. Ein Schwall Dampf stieg auf und legte sich wie ein kurzer Schleier über ihre Brille. Sie blinzelte, wischte das Glas mit dem Handrücken frei und roch prüfend an der aufsteigenden Wärme.

„Die Brühe ist fertig“, stellte sie fest. „Reich mir bitte die Flasche Usukuchi.“

Masamune griff ohne hinzusehen nach der richtigen Flasche. Seine Finger fanden sie im Regal mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der sie im Training einen Griff ansetzten. Die hellere Sojasauce glitt aus der Glasflasche in einem dünnen Strahl in den Topf. Er beobachtete, wie sie sich im Dashi verlor, kaum dunkler werdend, nur ein Hauch von Farbe, der im Inneren alles veränderte.

Wie seine Magie. Äußerlich fast unsichtbar, innerlich entscheidend.

„Sie werden verlieren“, sagte er plötzlich, während er die Flasche wieder abstellte. „Einige von ihnen. Vielleicht sogar die meisten.“

Seine Mutter sah nicht überrascht aus. „Natürlich werden sie das.“ Sie rührte mit den feinen Stäbchen in der Brühe, sodass sich die Aromen gleichmäßig verteilten. „Sonst wäre es kein echtes Turnier.“

Er verschränkte unbewusst die Arme, lehnte sich mit der Hüfte gegen die Arbeitsfläche. „Ich kann sie nicht davor schützen.“

„Du sollst sie nicht schützen.“ Ihre Stimme blieb ruhig, aber der Ton wurde fester. „Du sollst sie vorbereiten.“

Ein Moment Stille, nur das leise Blubbern im Topf und von draußen das entfernte Rauschen eines vorbeifahrenden Busses. Masamune lauschte auf das Echo ihrer Worte in sich selbst. Vorbereiten. Nicht retten. Nicht kontrollieren. Nicht für sie kämpfen.

Er nickte langsam, löste die verschränkten Arme wieder und griff nach dem nächsten Schneidbrett.

„Vorbereiten“, wiederholte er, als würde er das Wort prüfen. „Manche von ihnen glauben noch, ein Turnier sei wie ein Film. Saubere Würfe, schönes Fallen, Applaus. Niemand sieht, wie sich die Hände danach anfühlen, wenn man sie am Abend in heißes Wasser hält.“

Seine Mutter schob ihm wortlos eine Schale mit bereits blanchierten Möhren und Renkon hin, die er für die weiteren Osechi-Schichten portionieren sollte.

„Dann ist es gut, dass sie dich haben“, sagte sie. „Jemanden, der ihnen erklärt, dass man aus einem Sturz mehr lernt als aus zehn Siegen.“

Er begann, die Gemüsestücke sorgfältig in gleichmäßige Portionen zu teilen, jede Einheit so bedacht, als würde er einen Lehrplan zurechtschneiden. Die Konzentration auf das Handwerk beruhigte ihn ein wenig; die vertrauten, einfachen Aufgaben hatten etwas Tröstliches an sich.

„Und du?“, fragte sie nach einem Moment, ohne ihn anzusehen. „Bist du bereit, sie auch fallen zu sehen und für sich alleine stehen zu lassen? Oder wirst du versuchen, jeden Kampf von der Seite aus mit zu kämpfen?"

Er legte ein weiteres Stück Renkon auf das Brett, hielt das Messer darüber – und ließ es bewusst noch nicht sinken. Ihre Frage traf genau den Punkt, den er selbst die letzten Nächte umkreist hatte.

„Im Training kann ich eingreifen“, sagte er schließlich. „Ich sehe, wenn jemand falsch schlägt. Ich sehe, wenn einer kurz davor ist, sich zu überschätzen. Ich kann stoppen, korrigieren, wiederholen lassen.“

Das Messer glitt nach unten, teilte die Lotuswurzel mit einem präzisen Schnitt.

„Auf der Matte beim Turnier“, fuhr er fort, „stehen sie dort ohne mich. Ich… kann nur zusehen.“

„Wie jeder Lehrer.“ Ihre Antwort kam ohne Zögern. Sie nahm eine kleine Schüssel, begann, Sojasauce, Zucker und ein wenig Mirin für die Tazukuri-Mischung abzuwiegen. „Du bist nicht der Erste, der glaubt, er müsse mit auf der Matte stehen, wenn der Schüler kämpft.“

Er sah zu, wie sie die getrockneten Sardinen in einer Pfanne ohne Öl anröstete, bis sie leicht glänzten. Der Duft von Niboshi breitete sich in der kleinen Küche aus, mischte sich mit dem Dashi in der Luft. Es war ein Geruch, der ihn an Neujahre in Japan erinnerte, an frühe Morgenstunden mit noch kühlen Tatami unter den Knien und dem dumpfen Klang von fernen Tempelglocken. An die Jahre mit Vater.

„Du hast mich auch kämpfen sehen“, sagte er leise, fast mehr zu den aufsteigenden Düften als zu ihr.

Ihre Hände hielten einen Moment inne, dann schwenkte sie die Pfanne weiter, bis die Sardinen ein gleichmäßiges, leichtes Knistern von sich gaben.

„Ja“, antwortete sie schließlich. „Und ich konnte auch nur zusehen.“

Er stellte das Messer ab, legte die sorgfältig geteilten Renkon-Portionen in die vorbereiteten kleinen Schälchen, die später in die Jubako geschichtet werden würden. Seine Finger arbeiteten ruhig, aber in seinem Blick lag eine Spannung, als läge irgendwo zwischen den Lotuswurzel-Scheiben noch etwas, das er sortieren musste.

„Damals“, fuhr sie fort, während sie Zucker und Mirin über die Niboshi gab und mit einem leisen, klebrigen Geräusch verrührte, „wollte ich dich aufhalten. Du warst jung, stur und…“ Sie schnaubte leise. „Überzeugt davon, dass jedes Problem sich mit einem sauberen Wurf und genug Disziplin lösen lässt."

„Ich war nicht überzeugt“, erwiderte Masamune leise. „Ich wollte nur glauben, dass es so ist.“

Die Sauce in der Pfanne begann dicklicher zu werden, legte sich glänzend um die kleinen Fische. Seine Mutter nahm die Pfanne vom Herd, schwenkte sie ein letztes Mal, damit sich alles gleichmäßig überzog, dann breitete sie die Niboshi vorsichtig auf einem mit Papier ausgelegten Blech aus, damit sie abkühlen konnten.

„Ich habe dich trotzdem gehen lassen“, sagte sie, ohne ihn anzusehen.

Masamune faltete das Tuch neben sich, nur um es wieder zu öffnen und unter die Schälchen zu legen. „Du hattest keine Wahl.“

„Mütter haben immer eine Wahl.“ Sie richtete sich etwas auf, ihre Knie knirschten leise – eine Erinnerung an die Jahre, in denen sie auf Tatami, auf Holzböden, in engen Küchen gestanden hatte. „Ich hätte dich aufhalten können."

„Du hättest mich nur langsamer gemacht“, entgegnete er. „Aber nicht aufgehalten.“

Sie drehte sich nun doch zu ihm um, lehnte die Hüfte leicht an die Arbeitsfläche gegenüber. Für einen Moment waren da nur ihre Blicke, die sich im engen Raum trafen – sein fester, dunkler, mit dem Hauch der Müdigkeit eines Mannes, der mehr gesehen hatte, als er zugeben wollte; ihrer wacher, älter, aber unverletzt in ihrer Klarheit.

„Genau“, sagte sie. „So wie du deine Schüler beim Turnier nicht aufhalten kannst. Nur langsamer. Oder schneller machen.“

Er schwieg, dachte nach. Hinter ihren Worten lag etwas, das mehr war als bloße Lebenserfahrung – ein stilles Verstehen der Art, wie er sich veränderte, seit er in Seattle war. Seit er erwacht war. Es war, als würde er an einer geschlossenen Tür stehen, deren Existenz nur seine Mutter bemerkte, ohne sie aufzudrücken.

„Du willst, dass sie gewinnen“, fuhr sie fort und wandte sich wieder den Töpfen zu. „Du willst, dass dein Dojo gut dasteht. Dass die Leute sagen: ‚Masamunes Schüler sind stark. Sein Weg funktioniert.‘“

Sie nahm die Schale mit den schwarzen Bohnen, wiegte sie in der Hand, als spüre sie ihr Gewicht.

„Aber das ist nur die vordere Seite der Schüssel“, sagte sie. „Die schöne Glasur. Was ist darunter? Wie ist der Ton verarbeitet?“

Masamune atmete durch die Nase ein, langsam wieder aus. Er wusste, dass sie auf etwas Bestimmtes hinauswollte, und er wusste auch, dass sie warten würde, bis er es selbst aussprach.

„Ich will, dass sie nicht gedemütigt werden“, sagte er schließlich. „Nicht von diesen… Fitness-Studios, die Jiu Jitsu wie ein Accessoire verkaufen. Nicht von Leuten, die den ganzen Tag Marketing machen und abends eine Matte ausrollen, um sich Meister zu nennen.“

Ein Schatten aus Stolz und Ärger glitt kurz über seine Züge. „Ich will, dass sie sehen, was der echter Weg ist. Was Bushido bedeutet.“

Seine Mutter nickte kaum merklich und begann, die Kuro-mame in einen kleinen Topf mit süßer, leicht salziger Flüssigkeit zu geben. Die Bohnen glitten schwer hinein, klatschten leise gegen den Boden.

„Kuro-mame“, sagte sie ruhig. „Damit man im neuen Jahr hart und fleißig arbeitet.“

Er verzog den Mund.

"Sie arbeiten hart“, sagte er. „Härter, als ich erwartet hatte, als ich hierherkam. Die meisten von ihnen haben zwei Jobs, oder ein Studium. Und sie kommen trotzdem fast jeden Tag.“

Seine Mutter rührte in den Bohnen, prüfte die Konsistenz zwischen zwei Essstäbchen. „Dann war dein Unterricht nicht umsonst.“

Masamune schwieg einen Moment. Das gleichmäßige Rühren, das leise Blubbern der Flüssigkeit um die Bohnen herum hatten etwas Beruhigendes, beinahe Hypnotisches.

„Einer von ihnen“, sagte er dann, „arbeitet nachts in einem Club als Security. Er kommt manchmal direkt von dort hierher. Rote Augen, zitternde Hände vom Kaffee. Aber er trainiert, als wäre jeder Wurf der Letzte, den er noch lernen kann.“

„Und?“

„Er wird dennoch beim Turnier verlieren“, stellte Masamune nüchtern fest. „Er hat Herz, aber ihm fehlt Erfahrung. Seine Hüfte steht oft falsch, er spannt zu früh an, verkrampft kurz vor dem Wurf. Gegen jemanden mit echter Wettkampferfahrung…“ Er machte eine kleine, abschließende Handbewegung.

Seine Mutter zog den Topf vom Herd, ließ die Bohnen in der warmen Flüssigkeit stehen. Sie ließ die Bohnen noch einen Moment ruhen, als müssten sie seine Worte einsaugen.

„Wird er trotzdem hingehen?“, fragte sie.

„Ja“, antwortete Masamune ohne zu zögern. „Wenn ich es ihm erlaube.“

Sie wandte sich halb zu ihm um. „Und wenn du es ihm nicht erlaubst, wird er es dir nie ganz verzeihen.“

Er wollte spontan widersprechen, doch der Einwand blieb ihm im Hals stecken. Stattdessen griff er nach einem sauberen Tuch, faltete es sorgfältig, als müsste er eine innere Unruhe glätten.

„Ich könnte sagen, er sei noch nicht so weit“, murmelte er. „Dass er beim nächsten Turnier…“

„… älter ist, müder, vielleicht mit einer kaputten Schulter, vielleicht krank, oder zu beschäftigt.“, fiel sie ihm leise ins Wort. „Vielleicht ist dies sein einziges großes Turnier.“

Der Gedanke blieb einen Moment zwischen ihnen hängen. Von draußen drang das ferne Wummern eines Basses herüber – irgendein Club, der auch am frühen Morgen noch nicht ganz verstummt war. Seattle atmete unruhig weiter, doch die kleine Küche stand davon abgetrennt wie eine eigene Welt.

„Du kannst ihm nicht die Demütigung nehmen“, fuhr sie fort. „Aber du kannst ihm geben, was du damals nicht hattest."

„Was ich damals nicht hatte?“, wiederholte er.

Sie ließ das Tuch sinken, das sie gerade zusammengelegt hatte, und legte es neben den Herd. „Jemanden, der ihn ansieht und sagt: ‚Du wirst wahrscheinlich verlieren. Es wird wehtun. Vielleicht lacht jemand. Aber ich glaube, es ist wichtig, dass du trotzdem auf die Matte gehst und alles gibst.‘“

Masamune hielt ihren Blick. Es war, als würde sie nicht nur über sein erstes Turnier sprechen, nicht nur über sein Dojo, sondern auch über Entscheidungen, die ihn nach Seattle geführt hatten, hin zu einem erwachenden Verständnis von etwas Größerem als nur Technik und Kraft.

„Also soll ich es ihm so sagen“, fasste er zusammen. „Klar. Ohne Trost.“

„Mit Respekt“, korrigierte sie. „Kein Zucker. Kein unnötiger Schmerz. Nur Wahrheit.“

Ein flüchtiges, fast müdes Lächeln huschte über seine Lippen. „Bushidō in einem amerikanischen Turnier.“

„Bushidō in einer Küche in Seattle“, entgegnete sie, während sie sich wieder den vorbereiteten Schalen zuwandte. „Reich mir bitte die Jubako.“
Täuschung und Schein gleichen dem Traum und die Erleuchtung dem Erwachen daraus. Wer träumt, weiß nicht, dass er träumt. Nur der Erwachte weiß, dass er geträumt hat.
Pu’an

Benutzeravatar
Masamune
Akashayana
Beiträge: 334
Registriert: Do 28. Mär 2024, 18:23

Re: Oshōgatsu (Sylvester in Japan)

Beitrag von Masamune »

Silvesterabend

Seattle trägt auch an diesem Abend zwei Gesichter.

Draußen tobt die Stadt ihrem Jahreswechsel entgegen: Autoschlange auf der I‑5, Hupen, vereinzelte Böller, die schon früh in der Dämmerung explodieren, Musik aus offenen Bar-Türen, gelblich-weiße Straßenlaternen in feinem Nieselregen. Hoch über allem leuchtet die Space Needle mit einem kühlen, künstlichen Glanz.

Drinnen, im ehemaligen Supermarkt, ist alles gedämpfter. Das Licht im Dojo ist warm und weich, die Fenster beschlagen von der Feuchtigkeit der Kochdämpfe. Eine einzelne Papierlaterne mit einem roten Kordelzug hängt nahe der Eingangstür und bewegt sich leicht, wenn der Wind durch die Ritzen zieht.

Der niedrige Tisch aus dunkel gebeiztes Holz war umgeben von Sitzkissen und gefalteten Decken auf dem Boden. Eine einfache Tischdecke, keine Muster, nur Stoff, der die Härte des Holzes mildert. In der Mitte stehen bereits die Jubako-Schachteln, die Kimiko und ihr Sohn in den Vortagen gefüllt haben – lackschwarz mit dezentem Glanz, rote Ränder, die bei jeder Bewegung das Licht einfangen.

Daneben: eine große Keramikschüssel, aus der der duftende Dampf der Toshikoshi Soba aufsteigt. Dünne Buchweizennudeln in klarer Brühe, mit ein paar Frühlingszwiebelringen, zwei Scheiben Kamaboko – rot-weiß, Kohaku – und einem Stück Tempura auf jedem vorbereitetem Set. Die Brühe riecht nach Dashi, Sojasauce und Mirin, vertraut und klar, wie eine Erinnerung an Winterabende in Japan. Die Nudeln stehen für den Abschied des letzten Jahres, sowie ein langes Leben.

Der Fernseher auf einem Nebentisch – ein schlichtes Modell zeigt heute NHK (einem japanischen Sender) über einen ruckelnden Stream. Stimmen, Applaus, grelle Bühne: Kōhaku Uta Gassen. Rot-weiße Banner, Stars in zu glitzernden Kostümen. Der Ton ist leiser gestellt, damit das Gespräch nicht erstickt. Aber es kämpfen dort die weiß gekleideten Herren gegen die rot gekleideten Damen. Es ist ein spannender Wettkampf mit leichtem Vorsprung für die Damen, welcher sich aber dieses Jahr am Ende für einen Sieg der Herren verwandeln wird.

Bild

Masamune sitzt mit dem Rücken zur Wand, dem Bildschirm leicht seitlich zugewandt, so dass er ihn sehen könnte, wenn er wollte. Er trägt einen schlichten, dunkelblauen Jinbei, die Haare ordentlich zurückgenommen. Die Hände ruhen auf den Oberschenkeln; seine Haltung ist so aufrecht wie im Seiza im Dojo, doch die Muskeln unter der Haut sind angespannt, als hielten sie eine unsichtbare Last.

Gegenüber von ihm sitzt seine Mutter im Kimono, ein etwas älteres, aber gepflegtes Stück in graublau mit feiner Musterung. Ihre Bewegungen sind ritualisiert, als würde sie jeden einzelnen Schritt eines längst einstudierten Neujahrabends erneut durchgehen: Schälchen rücken, Stäbchen ausrichten, Servietten glatt streichen.

Zwischen ihnen bleiben zwei Plätze noch leer.

Ren kommt zuerst.

Die Schiebetür – ein improvisierter, verschiebbarer Holzwand-Ersatz mit Stoffbahn vor der eigentlichen Eingangstüre – bewegt sich, ein kühler Luftzug dringt herein. Die Konturen eines Mannes füllen den Durchgang: größer als Masamune, breitere Schultern, dunkler Wollmantel, der Hemdkragen offen, der Krawattenknoten gelöst. Der Regen hat seine Haare leicht dunkel glänzend gemacht; ein paar Tropfen hängen noch im Kragen.

„Tadaima“, sagt er, fast automatisch, als würde er eine Rolle sprechen, die er oft geprobt hat.

„Okaeri“, antwortet die Mutter sofort, ihre Stimme hellt sich deutlich auf. Ihre Züge entspannen sich, sie wirkt plötzlich jünger, lebendiger. „Ren, du hast es doch noch geschafft. Setz dich, setz dich. Willst du etwas trinken?“

Ren lächelt, dieses vertraute, nach außen hin charmante Lächeln, das in Bars und Geschäftsräumen gleichermaßen funktioniert. Er schiebt die Schuhe aus, tritt mit der Selbstverständlichkeit des Ältesten der Kinder von Kimiko ein, streicht sich beiläufig durch die Haare.

Sein Blick streift Masamune, nur einen Augenblick zu kurz für einen wirklichen Gruß.

Masamunes Atem stockt. Nicht sichtbar, nicht hörbar – aber in ihm selbst fühlt es sich an, als wäre der Raum plötzlich kleiner geworden. Die Geräusche von draußen, der Fernseher, das leichte Klappern der Schalen: alles tritt für den Bruchteil einer Sekunde in den Hintergrund.

Ein Bild, alt und scharf, flackert auf: die Tür eines anderen Zimmers, eine andere Nacht, der Schatten eines Jungen, der größer wirkt, weil er in der Tür steht und den einzigen Ausgang versperrt. Geruch von Sake im Atem, Schweiß, das Knarren einer Matratze. Die Ohnmacht eines Körpers, der nicht fliehen kann, weil zwischen Wand und Tür kein Raum zum Entkommen ist.

Er hält den Atem an, bevor die Erinnerung zu deutlich wird. Zwingt seine Augen zurück in den gegenwärtigen Raum, auf die heiße Schüssel vor ihm, die sich gleichmäßig mit Dampf füllt. Ramen-Schalen, nicht das dünnere Porzellan von früher. Seattle, nicht Yokohama. Jetzt, nicht damals.

„Masamune“, sagt seine Mutter mit einem Anflug von milder Strenge, die sie für „typische Brüder-Steifheit“ hält. „Begrüß deinen Bruder doch.“

„Ren“, bringt Masamune hervor. Der Name schmeckt trocken in seinem Mund. Er nickt knapp, mehr ist im Moment nicht drin.

Ren setzt sich lässig auf den freien Platz zwischen ihnen, so dass er Mutter und Bruder gleichzeitig im Blick hat. Sein Körper nimmt Raum ein, ohne grob zu wirken; er ist es einfach gewohnt, Mittelpunkt von Situationen zu sein. Er setzt sich nicht ganz in Seiza, eher eine informelle, halbkniende Haltung, die mehr an amerikanisches „auf dem Boden sitzen“ erinnert.

„Ist das die berühmte Neujahrssoba?“ Ren beugt sich über die Schale, zieht den Duft tief ein. „Ich habe seit… bestimmt fünf Jahren keine mehr gegessen.“

„Selbst schuld“, schnippt sie mit einem Anflug von Humor. „Wer ständig Überstunden macht und Silvester im Büro verbringt, hat eben keine Toshikoshi Soba.“

Sie beginnt, die Brühe in die vorbereiteten Schalen zu füllen. Jede Bewegung präzise, sorgfältig, als hinge der Verlauf des kommenden Jahres daran. In gewissem Sinn tut er das für sie auch. Sie reicht zuerst Ren eine Schale, dann Masamune.

Masamune nimmt sie mit beiden Händen, wie es sich gehört. Das Keramik ist heiß, beinahe schmerzend an den Fingern, und genau das hilft ihm, im Hier und Jetzt zu bleiben. Hitze. Geruch. Gewicht. Die Ränder der Schale rau unter der Glasur.

„Warte auf deine Schwester“, sagt die Mutter, als er die Stäbchen nehmen will. „Wir essen zusammen.“

In diesem Moment öffnet sich der Eingang erneut. Hikari tritt ein, mit einer Energie, die sofort anders ist als die von Ren. Ihre Kleidung ist praktischer, weniger ausgewählt: dicker Parka, Jeans, grobe Stiefel. Die Haare hat sie im Nacken zusammengebunden, ein paar Strähnen sind im Regen nass geworden und kleben an den Wangen. Über der Schulter trägt sie eine Umhängetasche, aus der ein kleiner Notizblock ragt.

„Tadaima“, ruft sie, ohne den Raum vorher abzumessen. In ihrer Stimme liegt Wärme, aber auch ein Unterton von Müdigkeit.

„Okaeri, Hikari“, antwortet die Mutter, sichtbar erleichtert, dass nun alle da sind. „Komm, setz dich. Wir wollten gerade mit der Toshikoshi Soba anfangen.“

Hikari schiebt sich aus den Stiefeln, stellt sie ordentlich beiseite, so wie es ihr eingebrannt wurde, auch wenn sie seit Jahren in westlicher Kleidung durch amerikanische Städte läuft. Sie wirft einen schnellen Blick in den Raum, erfasst in Sekunden die Anordnung, die Körperhaltungen. Ihre Augen bleiben kurz an Masamune hängen, vielleicht einen Herzschlag länger als bei Ren.

Sie nickt ihm knapp, fast verschwörerisch zu, bevor sie ihren Platz einnimmt.

„Du hast doch nicht wieder gearbeitet bis eben?“, fragt die Mutter, während sie für Hikari ebenfalls eine Schale füllt.

„Nur ein paar letzte Mails“, winkt sie ab. „Die Zeitverschiebung. Tokyo schläft nie, du weißt doch.“

Ren lacht leise. „Sie sagt ‚ein paar Mails‘ und meint ‚bis fünf Minuten vor knapp mit irgendeinem Chefredakteur diskutiert‘."

„Besser als mit Mandanten über Steueroptimierung“, kontert Hikari automatisch, ohne Schärfe, aber mit gewohnter Kante.

Ein kurzer Schlagabtausch, leicht, routiniert. Ihre Mutter seufzt leise, halb amüsiert, halb genervt. „Heute nicht streiten. Heute ist Neujahresabend.“

Sie stellt Hikari die Schale hin, richtet noch einmal die Stäbchen vor allen drei, dann setzt sie sich und nimmt ihre eigene Schüssel auf.

„Gut“, sagt sie und sieht jeden von ihnen der Reihe nach an. „Toshikoshi Soba. Lasst uns die langen Fäden des alten Jahres abschneiden, damit wir nicht ihre Last in das neue tragen.“

Masamune spürt, wie ihm die Worte auf der Zunge brennen: „Manche Fäden reißen nicht, nur weil man Soba isst.“ Aber er sagt nichts. Stattdessen hebt er die Schale, neigt den Kopf leicht.

„Itadakimasu“, klingt es beinahe gleichzeitig von allen Vieren.

Die ersten Nudeln gleiten zwischen die Stäbchen. Er führt sie zum Mund, spürt, wie die Brühe seine Lippen erhitzt, wie die Nudeln weich, aber noch mit leichtem Biss auf der Zunge liegen. Der Geschmack ist so vertraut, dass es weh tut: Dashi, Sojasauce, ein Hauch Süße. Bitterkeit vom Frühlingszwiebelgrün.

Ren schlürft etwas lauter, wie früher, als er ihren Vater damit zum Lachen brachte. „Ah“, macht er, „das ist… das ist wirklich wie zu Hause. Okaasan, du könntest in Seattle ein Restaurant aufmachen und wärst nach einem Jahr ein Star.“

Sie lacht, verlegen, aber geschmeichelt. „Ich bin zu alt für so etwas. Und außerdem, dein Bruder hat schon das Dojo. Wo soll denn noch eine große Küche hin?“

Ihr Blick fällt kurz auf Masamune, der viel bedächtiger isst. Seine Hand hält die Stäbchen ruhig, kontrolliert. Die Nudeln sind ein Ritual, kein schlichtes Essen; er achtet darauf, sie nicht zu früh zu beißen, sie lang zu lassen.

Jedes Mal, wenn er die Schale absetzt, spürt er Rens Präsenz neben sich. Nicht als Körper – Ren sitzt ihm schräg gegenüber – sondern als Masse im Raum, als Gewicht in der Luft. Das Knacken von Essstäbchen, das leichte Räuspern, wenn Ren schluckt, der Geruch seines Parfums, gemischt mit kaltem Regen und entferntem Tabak. Seine Erinnerung sitzt in seinen Nerven wie ein zweiter Sinn. Jeder Ton, jede Bewegung, jede kleinste Veränderung der Stimmung von Ren registriert er, oft bevor ihm bewusst wird, dass er es tut.

Auf dem Fernseher beginnt gerade eine der ersten großen Gruppenwettbewerbe der Kohaku Uta Gassen. Die Kamera schwenkt über das Publikum, die Roten und Weißen Teams stellen sich vor. Ein älterer Enka-Sänger intoniert die ersten Töne eines Liedes, das ihre Mutter leise mitzusummen beginnt.

„Weißt du noch“, sagt sie an Ren gewandt, „wie dein Vater jedes Jahr über die Auswahl geschimpft hat? ‚Früher war die Musik besser‘, hat er immer gesagt.“

Ren grinst. „Yoshio hat jedes Jahr geschimpft, egal, welche Lieder kamen.“

Masamune spürt, wie sich in seinem Bauch etwas verhärtet. Der Name des Vaters, so beiläufig, so unbeschwert ausgesprochen, als wäre seine Anwesenheit hier nur durch ein paar Jahre und einen Ozean getrennt, nicht durch einen Sarg und das, was danach kam.

Hikari schiebt ihre Nudeln mit den Stäbchen hin und her, als würde sie nach einem Wort im Teller suchen. „Er hätte sich über die amerikanische Werbung genauso echauffiert“, meint sie, halb zum Fernseher, halb zu den anderen. „‚Alles nur Reklame‘.“

Ihre Mutter lacht wieder, diesmal weicher. „Ja. Aber er hätte bis zum Ende zugesehen.“

Masamune hebt die Schale, trinkt ein wenig von der Brühe. Der heiße Flüssigkeit läuft seine Kehle hinunter, wärmt die Brust. Trotzdem fühlt er, wie seine Hände leicht zu zittern beginnen, ganz fein, kaum sichtbar. Er spannt die Muskeln um den Unterarm an, um sie zu beruhigen.

„Du hast immer mit ihm gewettet, ob Rot oder Weiß gewinnt, Mutter“, erinnert sich Ren. Er sagt es, als würde er eine neutrale Kindheitserinnerung teilen, als wäre der Bruder vor ihm derselbe Junge, mit dem er damals vor dem Fernseher saß. „Und Hikari hat sich nur beschwert, dass zu wenig Bands und zu viel Enka kommen.“

„Du bist der mit den alten Rockplatten“, stößt Hikari aus. „Ich wollte damals die neuen Stars sehen. Du wolltest Gitarren und lange Haare.“

„Und Masamune…“ Ren wendet den Kopf, blickt ihn direkt an, zum ersten Mal länger als ein flüchtiger Gruß. „…du bist nach der Hälfte eingeschlafen. Jedes Jahr.“

Der Blick ist zu direkt. Zu nahe.

Masamunes Magen krampft kurz. Ein anderer Bildschirm flackert in seinem Inneren auf: nicht der Fernseher mit Rot-Weiß, sondern die dunkle Fensterfront eines kleinen Wohnzimmers, in der sich Licht spiegelt. Seine eigenen Knie, die unter der Decke hervorschauen. Die Stimme des Vaters, die irgendwo im Haus verstummt ist. Und danach: das Gewicht auf der Matratze, das Schließen einer Tür, die Mutter, die glaubt, die Kinder schlafen längst.

Er bewegt die Stäbchen.

„Ich war müde“, sagt er nüchtern, ohne den Blick zu heben. Die Worte sind sicher, mechanisch, wie eine Antwort, die man im Dojo hundertmal gegeben hat. „Das Training. Die Winterluft.“

Seine Mutter lächelt bei der Erinnerung. „Du warst immer der erste, der eingeschlafen ist. Selbst an Neujahr.“

Hikari wirft Ren einen schnellen, scharfen Blick zu, der irgendwo zwischen Warnung und Anklage liegt. Für einen Moment treffen sich ihre Augen, dann weicht Ren aus, nimmt einen weiteren Bissen Nudeln.

Auf dem Fernseher wechselt die Show zu einem jungen Star, die Bühne wird grell, rot-weiße Streifen und Lichter. Das Publikum kreischt, die Mutter schüttelt belustigt den Kopf.

„Das ist nichts für mich“, murmelt sie, aber sie schaltet nicht um. Kohaku gehört dazu, selbst wenn sie sich jedes Jahr beschwert.

Die Toshikoshi Soba-Schalen leeren sich langsam. Ren beginnt als erster über die Jubako zu sprechen.

„Hast du das alles hier gemacht, Okaasan?“ Seine Stimme klingt ehrlich beeindruckt, als der Deckel der oberen Schicht geöffnet wird. Schwarze Bohnen, glänzend, fast wie kleine Perlen. Tazukuri, die süßlackierten Sardinen. Renkon, kunstvoll geschnitten, Karotten in Blumenform. Kuri kinton, golden wie kleiner, fester Sonnenschein.

„Mit Hilfe“, sagt sie und deutet mit einem kaum merklichen Nicken auf Masamune. „Ohne zwei weitere Hände wäre ich heute nicht fertig geworden.“

Ren wirft Masamune einen flüchtigen Blick zu. „Du? In der Küche?“

Hikari antwortet für ihn. „Er lebt hier. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass Okaasan alles alleine schleppt und kocht, während er nur Würfe übt.“

Ein kurzer Stich von Stolz, so fein, dass Masamune ihn fast übersieht, blitzt in ihm auf. Ja, er hat geholfen. Ja, er kann mehr als kämpfen. Ja, seine Hände können auch schneiden, portionieren, schichten, nicht nur greifen, werfen, fixieren.

„Bushidō“, sagt ihre Mutter ruhig, während sie die ersten Portionen Kuromame verteilt. „Der Weg ist nicht nur auf der Matte.“

Sie reicht jeder Schälchen. „Iss, damit du im neuen Jahr fleißig arbeitest“, sagt sie halb im Scherz, halb im Ernst.

„Ich arbeite schon zu viel“, murrt Hikari, nimmt aber dennoch welche.

Ren kassiert seinen Anteil mit einem schiefen Lächeln. „Vielleicht helfen sie mir, weniger dumm zu arbeiten.“

Masamune nimmt seine Schale, blickt auf die glänzenden schwarzen Bohnen. „Kuro“, denkt er kurz. Dunkel. Tiefe. Dinge, die unter der Oberfläche liegen. Er führt sie zum Mund, spürt die weiche Süße, die leichte Festigkeit.

Die Konversation plätschert. Über Seattle, über die Unterschiede zu Japan an Neujahr. Über die Feuerwerke, die später am Hafen gezündet werden, über die Zeitverschiebung, wegen der sie theoretisch zwei Mal ins neue Jahr kommen könnten – einmal mit Japan, einmal mit der Westküste.

Doch unter allem liegt eine unsichtbare Spannung, wie ein dünner Draht, der quer durch den Raum gespannt ist. Jedes Mal, wenn Ren lacht, spannt sich etwas in Masamunes Nacken. Jedes Mal, wenn die Mutter beiläufig von „früher“ spricht, tauchen in seinem Hinterkopf Bilder auf, die er sofort wieder hinunterzwingt.

Hikari beobachtet. Ihre Stäbchen bewegen sich über den Teller, aber ein Teil ihres Blicks ist stets bei den beiden Männern am Tisch. Sie sieht, wie Masamunes Hand manchmal eine Sekunde länger am Schalenrand verweilt, wie seine Schulter bei bestimmten Worten ein wenig hochzieht. Sie sieht auch, wie Ren sich gelegentlich etwas zu schnell einem anderen Thema zuwendet, wenn die Vergangenheit ihm zu nahe kommt.

„Ren“, beginnt Kimiko, ein wenig zögerlich, „du hast doch erzählt, bei euch im Büro gibt es jetzt diesen… wie heißt es… Diversity-Day?“

Hikari rollt unhörbar die Augen. „Okaasan…“

Ren nimmt es gelassen. „Ja, das gibt es überall mittlerweile. Ein Tag, an dem alle so tun, als würden sie sich über Diskriminierung Gedanken machen.“ Er sagt es mit einem Lachen, doch darunter liegt eine Spur von Müdigkeit. „Was ist mit dir, Kimiko? Schreibst du schon deine große Enthüllungsstory über die Ungerechtigkeiten im japanischen Arbeitsmarkt?“

„Mehr über die, die niemand sehen will“, erwidert sie scharf. „Nicht die, die man auf Plakate drucken kann.“

Die Mutter hebt abwehrend die Hände. „Nicht schon wieder anfangen, ihr zwei.“

„Wir fangen nicht an“, sagt Hikari, wirft aber einen schnellen Seitenblick auf Masamune. „Wir hören nur nicht auf.“

Ein paar Sekunden Stille. Auf dem Bildschirm tanzt eine Gruppe in weißen Kostümen, rotes Licht, Konfetti. Das Lachen des Publikums schwappt dumpf in den Raum.

„Einige Dinge“, setzt die Mutter schließlich wieder an, „– manche Dinge sind besser, wenn man sie ruhen lässt. Man muss nicht alles… aufwühlen. Jedes Jahr wieder.“

Das Wort „aufwühlen“ trifft Masamune wie ein Schlag in den Bauch. Nicht, weil es hart ausgesprochen wäre, sondern weil es das genaue Gegenteil von dem ist, was in ihm seit Jahren brodelt: der Drang zu schweigen, und gleichzeitig der Schmerz des Verdrängten.

Ren senkt kurz den Blick, seine Hand greift nach einem Stück Tazukuri. Die süßen, knusprigen Fische knacken leise zwischen seinen Zähnen.

„Ja“, sagt er leise. „Manches… sollte man nicht wieder aufrollen.“

Masamune hört die doppelte Bedeutung, ob beabsichtigt oder nicht. Wie Wellen, die sich an einem unsichtbaren Felsen brechen, schlagen seine Gedanken gegen dieses „manches“. Wie viel gehört dazu? Was genau will Ren „nicht aufrollen“? Seine eigene Schuld? Ihre gemeinsame Vergangenheit? Den Tod des Vaters? Oder das, was danach kam?

Sein Herz schlägt schneller. Er fühlt den vertrauten Druck in der Brust, das leichte Schwitzen an den Handflächen, obwohl der Raum eher kühl ist. PTBS ist kein lauter Sturm, eher ein steigender Wasserspiegel – plötzlich steht man bis zu den Knien im Wasser und weiß nicht, wann genau es angefangen hat.

Hikari setzt die Stäbchen ab. Ihr Blick geht von ihrer Mutter zu Ren, dann zu Masamune. Sie atmet ein, als würde sie etwas sagen wollen – etwas, das seit Jahren zwischen ihnen schwebt.

„Manche Dinge“, sagt sie schließlich, „– wenn man sie ‚ruhen lässt‘, faulen sie nur im Inneren.“

Ihre Mutter verzieht das Gesicht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. „Hikari…“

Doch Hikari ignoriert sie für einen Moment. Sie wendet sich, nicht direkt, aber deutlich genug, ein Stück zu Masamune.

„Es gibt Dinge, bei denen diejenigen, die…“ sie sucht das Wort einen Augenblick, „…gelitten haben, das Recht haben, zu entscheiden, ob Ruhe gut ist. Nicht die, die zugeschaut haben. Oder weggeschaut.“

Der Satz hängt im Raum wie Rauch, schwer und süßlich. Ren hält inne, sein Stäbchen über der Schale. Er schaut nicht auf, doch die Spannung in seinem Kiefer ist deutlich.

Masamunes Atem stockt für einen Herzschlag. Er spürt Hikari, wie sie sich wie ein Schild ein Stück vor ihn schiebt – nicht körperlich, aber im Gespräch, in der Richtung, in die die Worte fließen.

Seine Mutter richtet sich ein wenig steifer auf. „Was redest du da?“, fragt sie, mit diesem Ton, in dem sich Unverständnis und aufkeimende Angst mischen. „Hikari, heute ist kein Tag für solche… schweren Themen.“

„Welcher Tag ist es dann?“, kontert Hikari ruhig. „Immer ‚nicht heute‘, bis es nie ist?“

Ren legt die Stäbchen sehr langsam zur Seite. Das leichte Klacken auf der Keramik klingt lauter, als es sein dürfte. Er hebt den Blick – erst zu seiner Mutter, dann kurz, tastend, zu Masamune.

„Es geht nicht um mich“, sagt der Samurai leise, fast unhörbar.

Hikari lacht trocken. „Natürlich geht es um dich.“

Masamunes Herzschlag hämmert jetzt spürbar in den Ohren. Die Ränder seines Blickfeldes werden einen Moment enger, als würde der Raum sich um den Tisch herum verengen. Er nimmt bewusst einen Atemzug – ein, aus –, so wie er es sich für Paniksituationen anerzogen hat. Er spürt seine Knie gegen den Boden, den Rand der Schale unter den Fingerspitzen, das Material der Zafu unter den Beinen. Fixpunkte. Hier. Jetzt.

„Hikari.“ Die Mutter hat nun diesen strengen, beinahe herrischen Ton, den sie selten benutzt. „Wir reden nicht so, wenn alle zusammen sind. Es ist Neujahr. Dein Vater—“

„—ist tot“, schneidet Hikari ihr das Wort ab. „Seit über fast zwanzig Jahren. Und danach war nicht plötzlich alles sauber und still.“

Ein kurzes, scharfes Einatmen bei Ren. Seine Finger zucken, als wollte er nach etwas greifen, was nicht da ist – einem Glas, einer Zigarette, irgendeiner Ablenkung.

Masamune spürt, wie sich sein Kiefer anspannt. Die Muskeln entlang des Halses stehen hart. Die Worte drängen an seinen Mund, aber sie sind wie schwere Steine – jeder Versuch, sie zu heben, lässt ihn innerlich zittern.

„Hikari.“ Seine Stimme klingt rau, tiefer als sonst. „Lass es.“

Sie wendet sich ihm direkt zu. In ihren Augen liegt Zorn, aber auch Sorge, und darunter etwas, das wie Schuld aussieht.

„Willst du wirklich, dass ich es lasse?“, fragt sie leise. „Oder hast du dich nur so sehr daran gewöhnt, dass alle so tun, als…“

Sie bricht ab, als die Mutter die Hände auf den Tisch legt, fester als nötig. Die Schälchen klirren leise.

„Genug jetzt“, sagt sie. „Ich weiß nicht, worauf ihr anspielt, aber ich will es auch nicht wissen. Manche Dinge…“ Ihre Stimme zittert nun doch. „Manche Dinge sind besser, wenn man sie nicht…“

„Wenn man sie nicht sieht?“, fährt Hikari sie an. „So wie du so vieles nicht gesehen hast?“

Das Wort trifft wie ein Schlag. „Nicht gesehen.“ Es hängt im Raum, klebrig, gnadenlos.

Masamune spürt, wie ihm die Kehle zuschnürt. Erinnerungen drängen hoch: Lichtspalt unter einer Tür. Geräusche, die jemand im Flur überhört. Schritte, die vorbeigehen, ohne anzuhalten. Morgende, an denen niemand fragt, warum er die ganze Nacht wach lag. Die Art, wie seine Mutter damals auf den Boden vor sich sah, wenn auf Familienfesten jemand fragte, ob alles in Ordnung sei.

Seine Finger verkrampfen sich um die Schale. Tief in ihm flackert der Impuls, aufzustehen, zu gehen, einfach aus der Tür zu treten, in den Regen, in den Lärm der Stadt, irgendwohin, wo der Raum größer ist und die Luft leichter. Doch seine Füße fühlen sich an, als wären sie in den Boden eingelassen, wie bei einem Stand, aus dem er nicht heraus darf.

Ren räuspert sich. Ein dünnes, brüchiges Geräusch.

„Es bringt nichts—“, setzt der ältere Bruder an.

Hikari schneidet ihm wütend das Wort ab, ohne ihn anzusehen. „Du bist der Letzte, der entscheiden sollte, was ‚nichts bringt‘.“

Kimiko schaut zwischen ihnen hin und her. Ihre Hände zittern jetzt sichtbar, als sie nach ihrem Tee greift. Die Tasse klackert an die Untertasse. „Ren ist dein Bruder“, sagt sie, an Masamune gewandt, als suche sie Verbündeten in ihm gegen die aufrührerische Tochter. „Ihr seid Brüder. Was auch immer zwischen euch…“

Sie findet den Satz nicht zu Ende.

„Du weißt es“, sagt Hikari plötzlich, mit einer Härte, die in der Küche noch nie zu hören war. „Du tust seit Jahren so, als wüsstest du es nicht. Aber du weißt es.“

Stille. Selbst der Fernseher scheint leiser geworden zu sein, obwohl niemand die Lautstärke geändert hat. Auf dem Bildschirm lächelt ein Moderator. Im Raum lächelt niemand.

Die Mutter öffnet den Mund, schließt ihn wieder. Ihre Finger krallen sich in den Stoff ihres Kimono. „Ich…“, beginnt sie, „ich habe… nichts gesehen.“

Das alte, geübte Mantra. Masamune hört seine eigene Stimme, bevor er sich bewusst entscheidet, zu sprechen.

„Genau“, sagt er. Das Wort ist flach, ohne Betonung, und gerade dadurch schneidend. „Du hast nichts gesehen.“

Alle Augen richten sich auf ihn.

Er hebt die Schale an den Mund, trinkt den letzten Rest der Brühe, obwohl sie inzwischen nur noch lauwarm ist. Dann setzt er sie mit einer Ruhe ab, die nicht zu seinem inneren Zittern passt. Seine Hände sind erstaunlich still.

„Ich war da“, sagt er, den Blick auf den Tisch gerichtet, nicht auf ihre Gesichter. „Ich war da, Okaasan. Er…“ ein kaum sichtbares Zucken des Kinns in Richtung Ren, „…war da. Du warst auch da. Nur deine Augen waren woanders.“ Da war kein Vorwurf in der Stimme. Nur Fakten, die ausgesprochen wurden.

Das leise Zischen des Heizkörpers an der Wand ist plötzlich deutlich zu hören. Jemand auf der Straße ruft, dumpf durch die Fensterscheibe gedämpft. Im Dojo selbst ist es so still, dass man jeden Atemzug zählen könnte.

Ren senkt den Kopf. Seine Schultern sacken ein wenig ab; ein Bild von jemandem, der einen Schlag erwartet, ihn aber noch nicht gespürt hat.

„Masamune“, flüstert die Mutter. In dem einen Wort liegen Erschrecken, Abwehr, Bitte... Alles ineinander verschlungen. „Was redest du da?"

Hikari lehnt sich leicht zurück, als wolle sie ihrem jüngeren Bruder endlich den Raum geben. In ihren Augen glänzt Feuchtigkeit, doch sie hält den Blick klar.

„Sag es“, fordert sie leise. „Sag es einmal. Wenigstens einmal.“

Masamunes Kehle brennt. Das Wort selbst, das eigentliche, ist wie ein heißes Eisen. Er hat es in Therapieräumen gesagt, in Sprachen, in denen es klinischer klingt. Er hat es geschrieben, nie abgeschickt. Im Dojo schweigt er darüber. In diesem Raum, mit diesen Wänden, war es nie laut.

Er hebt den Blick, trifft für einen Moment den von Ren, welcher aussieht wie jemand, der an einem Abgrund steht, wissend, dass er ihn selbst gegraben hat.

Masamune wendet den Blick ab und schaut seine Mutter an.

„Er hat mich nicht ‚geärgert‘“, sagt er, das Wort, das sie früher benutzt hat, fast verachtend. „Es war keine ‚Phase‘, kein ‚Brüderstreit‘.“ Seine Stimme wird mit jedem Satz fester. Dann eine Pause. Sekunden, die sich wie Stunden anfühlten. Die folgenden Worte, kaum hörbar. Gebrochen. „Es war... Vergewaltigung. Durch Ren... und Tante Sakura.“

Das Wort fällt schwer auf den Tisch, wie etwas, das nicht hierher gehört, aber trotzdem immer schon im Raum war.

Die Mutter blinzelt, als hätte ihr jemand ins Gesicht geschlagen. Sie öffnet den Mund, schließt ihn, öffnet ihn wieder. Kein Ton kommt.
Auf dem Fernseher beginnt ein weiteres Lied. Eine Frauenstimme singt eine langsame Ballade über Abschied und Neubeginn. Der Kontrast ist grotesk.

Ren schließt die Augen für einen Moment. Seine Finger greifen in den Stoff seiner Hose, kneten ihn, als wäre er ein Gebetsband.
„Ich weiß“, sagt er schließlich. Die Worte sind kaum mehr als ein Hauch.

Hikari zuckte, als hätte sie nicht damit gerechnet, dass er überhaupt etwas zugibt. Die Mutter starrt ihren ältesten Sohn an, als sähe sie ihn zum ersten Mal.

„Was…?“, bringt sie hervor. „Was sagst du da…?“

Ren atmet hörbar ein, wieder aus. Seine Stimme zittert, aber er zwingt sie, nicht zu brechen.

„Ich weiß, was ich getan habe“, sagt er. „Ich…“ Er schluckt, die Kehle arbeitet. „Ich hatte tausend Begriffe dafür in meinem Kopf. ‚Jugendlicher Fehler‘. ‚Verwirrung‘. ‚Druck‘. Alles Lügen, damit ich damit leben konnte.“

Er hebt den Blick zu Masamune. Keine Entschuldigung in den Worten, aber eine nackte, hässliche Anerkennung der Realität.

„Es war Vergewaltigung“, wiederholt er. „Ich habe dir etwas genommen, das ich nicht hätte antasten dürfen. Immer wieder.“

Die Mutter hebt die Hände an die Ohren, als wolle sie die Worte abwehren. „Nein…“, flüstert sie. „Nein, das… das kann nicht… ihr seid Brüder, ihr…“

„Gerade deshalb“, sagt Hikari scharf. „Deshalb war es so leicht, es nicht zu sehen.“

Masamune atmet. Ein. Aus. Die Luft brennt in der Brust, als hätte er gerade einen langen, harten Kampf hinter sich. Aber gleichzeitig ist da eine fremde, fragile Erleichterung: das Wort ist ausgesprochen. Nicht im Dunkeln, nicht unter sich, sondern hier, am Neujahrstisch, neben Toshikoshi Soba und Jubako.

Die Mutter schüttelt den Kopf, Tränen stehen in ihren Augen. „Warum… warum hast du nichts gesagt?“, fragt sie verzweifelt, an Masamune gewandt.

Er sieht sie an, lange. Es ist kein harter Blick, eher leer, müde.

„Ich habe gesagt, dass ich Angst habe, mit ihm allein zu sein“, antwortet er. „Ich habe gesagt, dass ich nachts nicht schlafen kann. Dass ich nicht will, dass er in mein Zimmer kommt.“ Seine Stimme bleibt ruhig, fast unpersönlich. „Du hast gesagt, ich solle mich nicht so anstellen. Dass Brüder sich manchmal streiten. Dass ich ihn nicht provozieren soll.“

Jeder Satz trifft sie wie ein weiterer Stoß. Sie presst die Hand auf den Mund, als könne sie ihre eigenen früheren Worte zurück stopfen.

„Ich… ich dachte…“, stammelt sie, „ich dachte, es wäre nur…“

„Bequemer“, beendet Hikari den Satz. „Bequemer, nicht genau hinzusehen.“

Ren senkt wieder den Blick. „Ich habe darauf gebaut“, sagt er leise. „Dass du nicht genau hinsiehst. Dass niemand es tut.“

Es ist still. Nur die Show im Hintergrund läuft weiter, eine groteske Farce aus Glitzer und Jubel, während am niedrigen Tisch eine Familie auseinanderbricht oder vielleicht, auf schmerzhafte Weise, zum ersten Mal wirklich sichtbar wird.

Masamune legt die Hände auf die Oberschenkel, spürt den Stoff, den Druck seiner Finger. Er fühlt sich gleichzeitig leer und übervoll. Der alte Druck hinter den Augen, das Vibrieren in den Händen, das leichte Rauschen in den Ohren – alles vertraut. Und doch ist etwas Anders als in den unzähligen Nächten, in denen er diese Sätze nur in Gedanken geführt hat.

Sie sind jetzt nicht mehr nur seine Last.

„Ich wollte heute nicht…“ Er stockt kurz, sucht nach Worten. „Ich wollte nicht, dass es so wird.“ Ein bitteres Lächeln huscht über sein Gesicht. „Toshikoshi Soba. Die Fäden durchschneiden. Aber manche Fäden…“ Er blickt in die Schale. „…muss man wohl erst sehen, bevor man sie schneiden kann.“

Hikari wischt sich über die Wange, schnell, fast ärgerlich über die eigenen Tränen. „Du hättest es nicht allein tragen müssen“, sagt sie leise. „Nicht die ganzen Jahre.“

„Du warst weg“, erwidert er, ohne Vorwurf, nur Feststellung. „Meist auf der Arbeit, wenn du dich nicht darum gekümmert hast, dass es irgendwie weiter ging. In deiner eigenen Hölle.“

Sie atmet durch, nickt. „Ja.“

Die Mutter sitzt da, die Hände im Schoß verkrallt. Ihre Schultern sind eingesunken, die Augen gerötet. Sie wirkt plötzlich sehr klein in diesem Raum, der eigentlich ihrer ist.

„Was… was soll ich jetzt tun?“, flüstert sie, mehr zu sich selbst als zu den anderen.

Ren blickt sie an, und zum ersten Mal seit Beginn des Abends ist da nichts Glattes mehr in seinem Gesicht. Nur Müdigkeit, Scham, etwas wie Furcht.

„Zuerst“, sagt Hikari, „– hör auf zu sagen, du hättest ‚nichts gewusst‘.“ Ihre Stimme ist weder laut noch hart, eher entschieden. „Sag, dass du es jetzt weißt.“

Die Mutter zögert, kämpft mit den Worten, mit ihrer eigenen Geschichte, mit Jahrzehnten von Verdrängung. Ihre Lippen beben.

„Ich… weiß es jetzt“, bringt sie schließlich hervor. „Ich… hab’s gewusst. Irgendwo. Aber… ich wollte nicht, dass es wahr ist.“ Die Tränen laufen ihr nun offen über das Gesicht. „Ich wollte… nur, dass ihr… normal seid.“

Masamune schließt die Augen für einen Moment. „Normal“. Ein Wort, das in seinem Leben immer wie eine ferne Insel gewirkt hat.

Er öffnet sie wieder, schaut erst sie an, dann kurz, wie gegen seinen Willen, zu Ren. Zwischen ihnen ist nichts vergeben. Nichts gut. Das Wort „Vergewaltigung“ liegt immer noch zwischen den Schalen wie ein schwarzer Stein. Aber es liegt da. Sichtbar.

Auf dem Fernseher beginnt der Countdown für das japanische Neujahr. Ein Moderator zählt, das Publikum ruft mit: „Jū, kyū, hachi…“

Die Mutter blickt automatisch zum Bildschirm, dann zurück auf den Tisch, als könne sie nicht glauben, dass die Welt draußen einfach weiterläuft.

Masamune atmet einmal tief durch. In ihm ist keine Feierlaune. Kein Gefühl von „neuem Jahr, neues Glück“. Eher das dumpfe Erschöpfungsgefühl nach einem sehr langen Kampf.

„Iss deine Soba auf“, sagt er schließlich, leise, zu niemandem Bestimmten. „Sonst bleibt das alte Jahr kleben.“

Der Satz ist fast ironisch, aber nicht zynisch. Ein Rest Ritual in einem Abend, der alle Rituale zerrissen hat.

Langsam, stockend, nimmt jeder wieder die Stäbchen zur Hand. Die Nudeln sind inzwischen weich geworden, die Brühe abgekühlt. Es schmeckt nicht mehr wie der Beginn, sondern wie etwas, das man zu Ende bringen muss.

Sie essen. Schweigend. Im Hintergrund jubelt das Publikum in Japan ins neue Jahr, während in Seattle die letzten Stunden des alten leise verrinnen.

----

Die Geräusche der Stadt hatten sich verändert.

Vor Mitternacht war es ein fernes Grollen gewesen – Autos, Musik, vereinzelte Böller. Jetzt, kurz nach dem Jahreswechsel der Westküste, war es ein unkoordiniertes Echo: verstreute Knaller, betrunkene Rufe, das ferne Heulen einer Sirene. Der Regen hatte aufgehört, die Straßen glänzten im Licht der Laternen.

Die Jubako waren zur Seite geräumt, leere Schalen stapelten sich ordentlich in der Küche. Der Fernseher war längst ausgeschaltet; der Nachhall der Kohaku-Show hing nur noch wie ein Schatten im Raum. Hikari hatte sich vor einer Stunde ein Taxi gerufen, ihre Umarmung um Masamune war kurz, fest und wortlos gewesen.

Jetzt standen nur noch drei Paar Schuhe am Eingang.

„Ich sollte gehen“, sagte Ren schließlich, den Mantel schon in der Hand. Seine Stimme klang belegt, als hätte er die letzten Stunden geraucht, obwohl er keine Zigarette angerührt hatte. „Es ist spät.“

Die Mutter nickte fahrig, als wäre ihr jeder klare Gedanke abhanden gekommen. Ihre Augen waren gerötet, das Gesicht müde gefurcht. „Pass auf dich auf“, murmelte sie. Es klang mehr nach Gewohnheit als nach Überzeugung.

Ren schob die Schuhe an, zog den Mantel über. Für einen Moment stand er unschlüssig im Eingangsbereich, die Hand schon am Stoffvorhang. Dann drehte er sich noch einmal um.

Masamune stand ein paar Meter entfernt, nahe der Grenze zum Mattenbereich, barfuß, die Hände in den Ärmeln des Jinbei verschwunden. Er wirkte seltsam ruhig – zu ruhig, wie jemand, der seine Bewegungen von weit weg beobachtet.

„Masamune“, begann Ren, und das erste Mal an diesem Abend klang sein Name nicht wie eine flüchtige Anrede, sondern wie etwas Schweres. „Ich…“

Er suchte nach Worten, fand keine, die groß genug waren, und keine, die klein genug gewesen wären, um sich dahinter zu verstecken.

„Es tut mir leid“, sagte er schließlich. „Es gibt keine Entschuldigung dafür. Aber… ich musste es dir sagen.“

Masamune antwortete nicht sofort. Seine Miene veränderte sich kaum; nur der Muskel am Kiefer zuckte leicht.

„Du hast recht... es gibt keine Entschuldigung. Das Wichtigste ist, dass du hast endlich laut gesagt hast, was du getan hast.“

Ren schluckte. „Trotzdem…“ Er machte einen Schritt näher, hob leicht die Hand. „Ich danke dir, dass du—“

Er legte den Arm auf Masamunes Schulter. Es war kein fester Griff. Kein Angriff, kein Ziehen. Nur eine Berührung, wie Brüder einander halten, wenn Worte fehlen. Ein Zeichen der Entschuldigung.

Aber für Masamunes Nervensystem war es keine harmlose Geste.

In einem Augenblick war er noch im Dojo, im nächsten war da nur die Berührung: zu nah, zu vertraut, zu bekannt. Kein Bild, kein klarer Flashback – eher ein Körper-Erinnern. Der Geruch von Haut, das Gewicht auf dem eigenen Körper, das Unentrinnbare eines Griffs.

Etwas in ihm riss.

Die Wärme von Rens Hand um seinen Unterarm brannte wie ein Brandzeichen, und sein Körper reagierte schneller als jeder bewusste Gedanke. Ren knallte auf den Boden des Dojo. Der Aufschlag war hart. Kimiko schrie auf, als die Schulter von Ren knackte, weil das Gelenk im Hebel raussprang... dann wieder rein. Ein Schlag ins Gesicht folgte. Sie schrie nochmal. "Masamune!" Der Samurai holte nochmal zum Schlag aus, dieses Mal um seinen Gegner zu vernichten. Im Kampf abseits der Matte gab es keine Gnade.

Nur er sah die Hand auf seiner Schulter. Weißes Fell. Ruhe, die ihn schlagartig umarmte und einfing. Kitsunes Nähe, war die Einzige, die er dulden konnte. Masamune atmete tief ein, als der Schlag kurz vor Rens Gesicht stoppte. 'Danke', flüsterte er in Gedanken. Gebrochen.

Zitternd drohte die Hand vor dem Gesicht des Älteren. Masamunes Gesicht zeigte eine Fratze, wie die Oni Maske seiner Rüstung. Ein Monster, dass Ren geschaffen hat. "Fass... mich... nie... wieder... an...", knurrte seine reale Stimme und ließ seinen Bruder los, ehe er sich umdrehte und die Beiden alleine ließ. Der Abwasch wartete.
Täuschung und Schein gleichen dem Traum und die Erleuchtung dem Erwachen daraus. Wer träumt, weiß nicht, dass er träumt. Nur der Erwachte weiß, dass er geträumt hat.
Pu’an

Benutzeravatar
Masamune
Akashayana
Beiträge: 334
Registriert: Do 28. Mär 2024, 18:23

Re: Oshōgatsu (Sylvester in Japan)

Beitrag von Masamune »

Hatsuhinode

Zwischen den dunklen Zacken der Skyline, den stummen Kränen an der Wasserfront und den fernen Konturen der Olympic Mountains im Hintergrund lag ein graues Band, das weder Nacht noch Tag war. Die Luft war klarer als sonst; der Regen der letzten Tage hatte den Staub aus der Stadt gewaschen. Nur über dem Wasser hing ein dünner Schleier, in dem sich das erste, ganz schwache Licht brach.

Masamune saß auf einer leicht feuchten Holzböschung am Rand von Kerry Park, etwas abseits von den klassischen Aussichtspunkten. Die meisten, die hierher zum Jahreswechsel kamen, waren längst nach Hause gegangen – betrunken, erschöpft, zufrieden. Ein paar vereinzelte Gestalten standen noch mit Pappbechern in der Hand an der Balustrade, fröstelten in dünnen Jacken und sahen schweigend auf die Stadt hinunter.

Er hatte die Schuhe ausgezogen. Die Kälte des Bodens zog durch die dünnen Socken, nüchtern, schneidend, aber ehrlich. Neben ihm lag ein kleiner Rucksack; darin eine Thermoskanne mit grünem Tee, ein Notizbuch, ein Stift. Er hatte alles fast mechanisch eingepackt, bevor er das Dojo verlassen hatte.

Die Nacht hing ihm noch in den Knochen.

Die Worte. Das Wort. Rens Hand an seinem Arm. Der Schock, der in seinem Körper nachgeglommen hatte wie ein Blitz, der irgendwo im Inneren eingeschlagen war. Die tränenverschmierten Augen seiner Mutter.

Und doch hatte er, als sich der Himmel im Osten leicht aufgehellt hatte, nur einen Gedanken gehabt: raus. Weg von Wänden, von Decken, von Fluren, die zu klein waren. Raus an einen Ort, an dem der Horizont weit genug war, um die Gedanken zu streuen.

Hatsuhinode. Der erste Sonnenaufgang des Jahres. In Japan gingen die Menschen an Strände, auf Hügel, zu Schreinen, um ihn zu sehen, zu beten, zu wünschen. Hier in Seattle war es nur ein weiterer kalter Morgen – aber für ihn war es beides. Amerika im Rücken, der Pazifik dazwischen, Japan als Erinnerung, die sich mit dem ersten Licht mischte.

Er legte die Hände auf die Knie, schloss für einen Moment die Augen und atmete tief ein. Kalte Luft füllte seine Lungen, brannte leicht. Beim Ausatmen sah er den feinen Hauch vor sich in der Luft verschwimmen.

Unter ihm spannte sich die Stadt: die stillen Straßen von Queen Anne, die Lichter der Fishermen’s Terminals, die Space Needle, die wie eine aufgestellte Lanze in den helleren Teil des Himmels ragte. Einzelne Raketenreste, verspätete Böller, zuckten hier und da noch in der Ferne auf, ein letztes, verirrtes Nachglühen der Nacht.

Langsam begann der Osten sich zu verändern.

Zuerst nur als Ahnung: die Konturen der Berge wurden schärfer, die Wolken darüber bekamen feine, helle Ränder. Das Grau des Himmels hellte sich zu einem blassen Blau, in dem etwas Zartes, Warmes zu ahnen war. Am Horizont lag ein schmaler Streifen von fast unscheinbarem Gold.

Masamune öffnete die Augen, richtete den Rücken noch ein wenig mehr auf. Seine Hände ruhten locker auf den Oberschenkeln, die Finger leicht gespreizt. Kein formelles Zazen, aber doch eine Haltung, die aus vielen stillen Morgen geformt war.

Hatsuhinode war kein magischer Moment im esoterischen Sinn. Die Sonne stieg einfach auf. Doch für den, der hinsah, war es ein Marker. Ein Schnitt. Ein „Hier endet etwas, und etwas anderes beginnt“, auch wenn beides sich in Wirklichkeit mischte wie die Farben am Himmel.

Die Bilder der letzten Stunden kamen wieder. Die Worte „Es war Vergewaltigung“. Die Stille danach. Die Art, wie seine Mutter sich verkleinert hatte. Rens Gesicht, als er „Ich weiß“ gesagt hatte. Die eigene Stimme, fremd und doch klar.

„Fäden durchschneiden“, dachte er. „Toshikoshi.“

Er wusste, dass ein ausgesprochener Satz keine Jahre heilte. Dass Trauma nicht mit einem Sonnenaufgang vergeht. Die PTBS war nicht beeindruckt von Ritualen; sie lebte in Nervenbahnen, in Träumen, in Gerüchen und Berührungen.

Aber etwas hatte sich verschoben.

Nicht nach außen, aber in ihm. Die Last war nicht leichter geworden, eher im Gegenteil, doch sie war nicht mehr so dicht gepresst. Als hätte jemand den Deckel eines zu vollen Gefäßes geöffnet. Was herausgekommen war, war hässlich, brennend, aber es war draußen.

Er griff nach seinem Rucksack, zog das kleine Notizbuch hervor. Es war schlicht, schwarzer Einband, die Ränder leicht abgenutzt. Er schlug es an einer leeren Stelle auf. Der Stift fühlte sich kalt an in den Fingern, dann vertraut.

Ein Haiku. Drei Zeilen, fünf – sieben – fünf Silben. Eine Form, die zwang, Wesentliches zu sagen. Kein Platz für Erklärungen, keine Rechtfertigungen, keine Umwege.

Er blickte wieder zum Horizont.

Die Sonne war noch nicht ganz sichtbar, aber das Licht drängte stärker. Die Wolken über den Bergen färbten sich von innen heraus orangerosa, der dünne Goldstreifen wurde breiter, tiefer. Das Wasser der Bucht nahm einen Hauch dieser Farbe auf, zögernd, als wüsste es noch nicht, ob es sie behalten wollte.

In seinem Inneren suchten Gedanken nach Form, nach Bild. Die Nacht. Das Dojo. Der Tisch mit den Soba. Das ausgesprochene Wort. Die Hand an seinem Arm. Wie er seinen eigenen Bruder fast schwer verletzt hatte. Jetzt: kalte Luft, erstes Licht, ferne Skyline.

Er schrieb.

Erst stockend, dann in einem Zug, ohne zu überarbeiten:

Neues Jahr –
alte Narben atmen
im ersten Licht.

Er sah sich die Zeilen an.

Kein klassisches Naturhaiku im strengen Sinn. „Neues Jahr“ als Kigo, „erstes Licht“ als Naturmoment. Dazwischen: die Narben, die nicht verschwinden, aber anders wirken können, wenn man sie im Licht betrachtet statt im Dunkeln.

Er schrieb die japanische Fassung darunter, langsamer, bedächtiger, das Kanji formend, als würde er einen alten Bekannten begrüßen:

新年や
古き傷あと
初日の出

Er blieb an „古き傷あと“ hängen – alte Narben. Nicht nur körperliche, auch die, die tiefer lagen. Er war sich nicht sicher, ob ein traditioneller Haiku-Lehrer zufrieden gewesen wäre, aber es war nicht für einen Lehrer. Es war für ihn.

Unten in der Stadt heulten ein paar Autosirenen, irgendwo lachte jemand zu laut. Eine Krankentrage wurde in ein Krankenhaus geschoben, jemand schlief in einem Hauseingang, jemand küsste jemanden auf einem Balkon. Das Leben setzte sich fort, indifferent gegenüber Einzelnen, aber trotzdem der Rahmen, in dem sie sich bewegten.

Die Sonne schob sich schließlich über die Kante der Berge. Kein dramatischer Feuerrand, eher ein stilles, gleichmäßiges Leuchten. Der goldene Streifen wurde breiter, das Wasser hellte sich auf, die Glasfassaden der Downtown begannen zu glitzern.

Masamune legte den Stift beiseite und schloss die Augen erneut, dieses Mal nur kurz. Er neigte den Kopf leicht, nicht als Gebet im religiösen Sinn, sondern als stilles, inneres Nicken.

Hatsuhinode.

Er dachte nicht an Wünsche – keine großen Sätze wie „Ich will geheilt werden“ oder „Alles soll gut werden“. Stattdessen dachte er an etwas Kleineres, Konkreteres:

„Ich will nicht mehr allein tragen, was war.“

Ein Atemzug. Noch einer.

Die Kälte kroch ihm langsam durch die Hosenbeine, erinnerte ihn daran, dass er einen Körper hatte, hier, auf diesem Hügel, in dieser Stadt. Der Schmerz, das Zittern, die Müdigkeit – alles Teil desselben Körpers, der auch in der Lage war, zu werfen, zu lehren, zu kochen, zu schreiben.

Er schlug das Notizbuch zu, steckte es zurück in den Rucksack. Dann nahm er die Thermoskanne, goss sich ein wenig Tee in den Deckelbecher. Der grüne Duft stieg auf, warm und klar, mischte sich mit der kalten Luft.

Er trank einen Schluck, sah noch einmal auf die Stadt hinunter, in der irgendwo sein Dojo lag, seine Mutter saß, seine Geschwister verstreut waren.

Der erste Tag des neuen Jahres war nicht rein. Nicht unbeschrieben. Aber der Himmel darüber war heller als in der Nacht.

Masamune zog die Schuhe wieder an, stand langsam auf und richtete sich zum vollen Stand auf. Ein ganz leichtes Dehnen der Schulter, ein Test des Gleichgewichts auf dem feuchten Holz.

Dann machte er sich auf den Weg zurück in die Stadt, das erste Licht im Gesicht. Es war der erste Tag des Jahres. Hatsumōde wartete: Der traditionelle Tempelbesuch. Und diesen wollte er traditionell mit seiner Mutter verbringen - nicht alleine. Und er würde mit ihr darüber reden. Und ihr vergeben.
Täuschung und Schein gleichen dem Traum und die Erleuchtung dem Erwachen daraus. Wer träumt, weiß nicht, dass er träumt. Nur der Erwachte weiß, dass er geträumt hat.
Pu’an

Antworten