Oshōgatsu (Sylvester in Japan)
Verfasst: Di 30. Dez 2025, 01:55
Osechi Ryōri
Der Regen hatte in der Nacht nachgelassen, aber die Straßen Seattles glänzten noch, als wären sie mit schwarzem Lack überzogen. Vor dem ehemaligen Supermarkt, in dessen Schaufenstern nun Kalligraphien, Bambusmatten und ein schlichtes Holzschild mit dem Namen und das Logo des Dojos hingen, zog ein kalter Wind durch die Häuserschluchten. Ein paar verirrte Partygänger aus der Downtown hatten sich erst vor wenigen Stunden nach Hause geschleppt, der Geruch von abgestandenem Bier und Fast Food hing noch schwach in der Luft. Es war der 29. Dezember. Früher Morgen.
Drinnen war davon nichts zu spüren.
Im Dojo roch es nach Reis, Sojasauce und dem leichten, warmen Duft von Dashi, der seit einer Stunde auf dem Herd zog. Die Neonlichter, die früher Warenregale beleuchtet hatten, waren längst entfernt worden. Stattdessen sorgten jetzt einfache, warme Lampen für ein weiches, goldenes Licht, das an frühen Morgenstunden in einer japanischen Vorstadt erinnerte – nur das ferne Heulen einer Polizeisirene, das kurz von draußen herübersickerte, verriet die amerikanische Stadt hinter den dünnen Wänden.
In der kleinen Küche, die früher einmal zur Personalzone des Supermarkts gehört hatte, war der ehemalige Fliesenspiegel jetzt mit einfachen Holzlatten verkleidet. An einem Haken hing ein altes, etwas ausgeblichenes Tenugui mit dem Schriftzeichen für „Ken“ – Schwert, nicht nur im wörtlichen Sinn, sondern als Prinzip. Darunter standen zwei Gasherde, einer davon schon alt und mit verfärbten Knöpfen, der andere ein relativ neues, glänzendes Modell, das Masamune nach seinem Einzug gekauft hatte – mehr ein Zeichen dafür, dass er „angekommen“ war, als dass er es gebraucht hätte.
Das leise Brodeln der Dashi in einem tiefen Topf füllte den Raum mit beruhigender Beständigkeit.
Masamune stand barfuß auf dem etwas zu kalten Boden, die Sohlen seitlich leicht gespreizt, das Gewicht gleichmäßig verteilt. Es war die gleiche Präsenz, die er in der Kampfhaltung einnahm. Die Flamme unter dem Topf zischte leise, als wieder ein winziger Tropfen Kondenswasser vom Deckel zurück in die Brühe fiel. Draußen vor der Glastür des Dojos zog ein Lieferwagen vorbei, die Scheinwerfer warfen verzerrte Lichtbänder an die Decke, doch hier, im warmen Dunst der Küche, schien das Alles weit weg zu sein.
Masamune legte die frisch geschnittenen Stücke Renkon in eine Schüssel mit Wasser, in das seine Mutter einen Spritzer Reisessig gegeben hatte. Die hellen Lotuswurzelscheiben schimmerten im klaren Wasser, das kreisförmige Lochmuster wirkte für einen Moment wie kleine, geöffnete Augen, die vom Boden der Schüssel zu ihm heraufsahen.
Seine Mutter stellte neben ihm eine zweite Schüssel ab, in der bereits in feinen Fächerformen geschnittene Karotten und Kabu-Rübchen lagen. Die Stücke waren gleichmäßig, beinahe identisch – jede Bewegung des Messers war so kontrolliert, dass kein Zentimeter verschwendet wurde.
„Deine Hand ist angespannter als letztes Jahr“, sagte sie plötzlich, ohne aufzublicken.
Masamune hielt das Messer noch einen Moment über der Lotuswurzel, als wollte er etwas erwidern, das sich aber nicht richtig formen wollte. Stattdessen setzte er die Klinge an und schnitt weiter, die dünnen Scheiben fielen in regelmäßigen Abständen auf das Brett, jede einzelne ein kleines, weißes Rad mit den typischen Löchern.
„Hm“, machte er nur.
Seine Mutter sah ihn aus dem Augenwinkel an. „Dieses ‚hm‘ kenne ich. Es ist nicht das ‚hm‘ für: ‚Es ist nichts, mach dir keine Sorgen.‘ Es ist das ‚hm‘ für: ‚Es ist etwas, und ich werde es dir nicht sagen‘.“
Die Art, wie sie es sagte, war nicht vorwurfsvoll, eher trocken feststellend. Masamune verzog leicht den Mund.
„Es ist…“ Er hielt inne, legte das Messer kurz ab und wischte sich die Finger an einem sauberen Tuch ab. „Es ist nur das Turnier.“
Sie reagierte nicht sofort. Das leise Klacken des Holzdeckels, den sie auf einen weiteren Topf legte, klang laut durch die Stille. Seine Mutter ließ das Tuch sinken und drehte sich etwas mehr zu ihm, so weit, wie es der schmale Küchenraum zuließ.
„Also doch.“ Sie tippte mit dem Finger gegen den Rand des Topfes, als würde sie die Temperatur der Situation prüfen, nicht die der Brühe. „Du hast es bisher vermieden, das Wort überhaupt in den Mund zu nehmen - außer als du Hilfe mit den Anzügen brauchtest.“
Masamune straffte unwillkürlich die Schultern. Das war ihm selbst unangenehm aufgefallen: wie er in den letzten Wochen um das Thema herumgetänzelt war, obwohl das Turnier wie ein Fixstern am Horizont des kommenden Jahres stand. Er atmete einmal langsam aus.
„Es ist nur ein Turnier“, sagte er, und noch während er die Worte aussprach, hörte er, wie falsch sie klangen.
Seine Mutter hob eine Augenbraue. „Nur? Für dich gibt es nur selten ein ‚nur‘.“
Er nahm das Messer wieder auf, mehr um sich zu beschäftigen, als weil es nötig gewesen wäre, und begann, die letzten Stücke Renkon zu fächern. Die Klinge glitt vertraut durch das Fruchtfleisch. Er ließ das Messer einen Moment in der Luft verharren, dann legte er es schließlich doch ganz beiseite. Es war sinnlos, sich hinter der Bewegung zu verstecken; seine Mutter las seine Haltung ohnehin wie ein offenes Buch.
„Es ist nicht nur ein Turnier“, sagte er schließlich. „Es ist… das erste Große, seit ich das Dojo eröffnet habe. Nicht nur ein lokales Treffen, nicht nur ein Freundschaftskampf mit den Leuten aus der Nachbarschaft.“ Er atmete ruhig ein, aus, sortierte die Worte innerlich, wie er eben die Gemüsestücke sortiert hatte. „Die anderen Dojos schauen hin. Potenzielle Sponsoren. Die Nachbarschaft. Und meine Schüler. Andere Dojos und deren Schüler.“
Seine Mutter schwieg, doch ihre Hände bewegten sich weiter – sie nahm die Renkon-Scheiben aus der Schüssel, schüttelte sie sanft ab, drapierte sie ordentlich auf einem sauberen Tuch. Ihre Bewegungen strahlten eine Ruhe aus, die ihn zugleich beruhigte und reizte.
„Du hast schon größere Dinge erlebt als ein Turnier“, meinte sie dann leise.
Masamunes Blick glitt kurz zur Küchentür, hinter der der Hauptraum des Dojos lag. Die gedämpfte Stille, die dort jetzt herrschte, stand in starkem Kontrast zu den Bildern in seinem Kopf: die Matten voll, das dumpfe Aufprallen von Körpern, Rufe, Applaus – und am Rand Leute, die keine Ahnung von Jiu Jitsu hatten, aber sehr genau darauf achten würden, ob dieses „komische Dojo im alten Supermarkt“ ernst zunehmen war.
„Ja“, erwiderte er schließlich. „Aber das hier…“ Er hielt kurz inne, suchte nach einem Vergleich, den sie beide teilten. „Das ist kein Kampf, in dem nur ich falle, wenn ich einen Fehler mache.“
Sie legte die letzten Lotuswurzel-Scheiben nebeneinander und deckte sie mit einem leicht feuchten Tuch ab, damit sie nicht austrockneten. „Du hast Verantwortung“, fasste sie es zusammen, ohne Pathos. „Und du bist…“ sie musterte ihn seitlich, „aufgeregt.“
Er schnaubte leise. „Nur ein wenig.“
„Für deine Verhältnisse: sehr.“ Ein kaum merkliches Lächeln huschte über ihre Lippen. Dann wandte sie sich wieder dem Herd zu. Sie hob mit geübter Bewegung den Deckel des Topfes an. Ein Schwall Dampf stieg auf und legte sich wie ein kurzer Schleier über ihre Brille. Sie blinzelte, wischte das Glas mit dem Handrücken frei und roch prüfend an der aufsteigenden Wärme.
„Die Brühe ist fertig“, stellte sie fest. „Reich mir bitte die Flasche Usukuchi.“
Masamune griff ohne hinzusehen nach der richtigen Flasche. Seine Finger fanden sie im Regal mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der sie im Training einen Griff ansetzten. Die hellere Sojasauce glitt aus der Glasflasche in einem dünnen Strahl in den Topf. Er beobachtete, wie sie sich im Dashi verlor, kaum dunkler werdend, nur ein Hauch von Farbe, der im Inneren alles veränderte.
Wie seine Magie. Äußerlich fast unsichtbar, innerlich entscheidend.
„Sie werden verlieren“, sagte er plötzlich, während er die Flasche wieder abstellte. „Einige von ihnen. Vielleicht sogar die meisten.“
Seine Mutter sah nicht überrascht aus. „Natürlich werden sie das.“ Sie rührte mit den feinen Stäbchen in der Brühe, sodass sich die Aromen gleichmäßig verteilten. „Sonst wäre es kein echtes Turnier.“
Er verschränkte unbewusst die Arme, lehnte sich mit der Hüfte gegen die Arbeitsfläche. „Ich kann sie nicht davor schützen.“
„Du sollst sie nicht schützen.“ Ihre Stimme blieb ruhig, aber der Ton wurde fester. „Du sollst sie vorbereiten.“
Ein Moment Stille, nur das leise Blubbern im Topf und von draußen das entfernte Rauschen eines vorbeifahrenden Busses. Masamune lauschte auf das Echo ihrer Worte in sich selbst. Vorbereiten. Nicht retten. Nicht kontrollieren. Nicht für sie kämpfen.
Er nickte langsam, löste die verschränkten Arme wieder und griff nach dem nächsten Schneidbrett.
„Vorbereiten“, wiederholte er, als würde er das Wort prüfen. „Manche von ihnen glauben noch, ein Turnier sei wie ein Film. Saubere Würfe, schönes Fallen, Applaus. Niemand sieht, wie sich die Hände danach anfühlen, wenn man sie am Abend in heißes Wasser hält.“
Seine Mutter schob ihm wortlos eine Schale mit bereits blanchierten Möhren und Renkon hin, die er für die weiteren Osechi-Schichten portionieren sollte.
„Dann ist es gut, dass sie dich haben“, sagte sie. „Jemanden, der ihnen erklärt, dass man aus einem Sturz mehr lernt als aus zehn Siegen.“
Er begann, die Gemüsestücke sorgfältig in gleichmäßige Portionen zu teilen, jede Einheit so bedacht, als würde er einen Lehrplan zurechtschneiden. Die Konzentration auf das Handwerk beruhigte ihn ein wenig; die vertrauten, einfachen Aufgaben hatten etwas Tröstliches an sich.
„Und du?“, fragte sie nach einem Moment, ohne ihn anzusehen. „Bist du bereit, sie auch fallen zu sehen und für sich alleine stehen zu lassen? Oder wirst du versuchen, jeden Kampf von der Seite aus mit zu kämpfen?"
Er legte ein weiteres Stück Renkon auf das Brett, hielt das Messer darüber – und ließ es bewusst noch nicht sinken. Ihre Frage traf genau den Punkt, den er selbst die letzten Nächte umkreist hatte.
„Im Training kann ich eingreifen“, sagte er schließlich. „Ich sehe, wenn jemand falsch schlägt. Ich sehe, wenn einer kurz davor ist, sich zu überschätzen. Ich kann stoppen, korrigieren, wiederholen lassen.“
Das Messer glitt nach unten, teilte die Lotuswurzel mit einem präzisen Schnitt.
„Auf der Matte beim Turnier“, fuhr er fort, „stehen sie dort ohne mich. Ich… kann nur zusehen.“
„Wie jeder Lehrer.“ Ihre Antwort kam ohne Zögern. Sie nahm eine kleine Schüssel, begann, Sojasauce, Zucker und ein wenig Mirin für die Tazukuri-Mischung abzuwiegen. „Du bist nicht der Erste, der glaubt, er müsse mit auf der Matte stehen, wenn der Schüler kämpft.“
Er sah zu, wie sie die getrockneten Sardinen in einer Pfanne ohne Öl anröstete, bis sie leicht glänzten. Der Duft von Niboshi breitete sich in der kleinen Küche aus, mischte sich mit dem Dashi in der Luft. Es war ein Geruch, der ihn an Neujahre in Japan erinnerte, an frühe Morgenstunden mit noch kühlen Tatami unter den Knien und dem dumpfen Klang von fernen Tempelglocken. An die Jahre mit Vater.
„Du hast mich auch kämpfen sehen“, sagte er leise, fast mehr zu den aufsteigenden Düften als zu ihr.
Ihre Hände hielten einen Moment inne, dann schwenkte sie die Pfanne weiter, bis die Sardinen ein gleichmäßiges, leichtes Knistern von sich gaben.
„Ja“, antwortete sie schließlich. „Und ich konnte auch nur zusehen.“
Er stellte das Messer ab, legte die sorgfältig geteilten Renkon-Portionen in die vorbereiteten kleinen Schälchen, die später in die Jubako geschichtet werden würden. Seine Finger arbeiteten ruhig, aber in seinem Blick lag eine Spannung, als läge irgendwo zwischen den Lotuswurzel-Scheiben noch etwas, das er sortieren musste.
„Damals“, fuhr sie fort, während sie Zucker und Mirin über die Niboshi gab und mit einem leisen, klebrigen Geräusch verrührte, „wollte ich dich aufhalten. Du warst jung, stur und…“ Sie schnaubte leise. „Überzeugt davon, dass jedes Problem sich mit einem sauberen Wurf und genug Disziplin lösen lässt."
„Ich war nicht überzeugt“, erwiderte Masamune leise. „Ich wollte nur glauben, dass es so ist.“
Die Sauce in der Pfanne begann dicklicher zu werden, legte sich glänzend um die kleinen Fische. Seine Mutter nahm die Pfanne vom Herd, schwenkte sie ein letztes Mal, damit sich alles gleichmäßig überzog, dann breitete sie die Niboshi vorsichtig auf einem mit Papier ausgelegten Blech aus, damit sie abkühlen konnten.
„Ich habe dich trotzdem gehen lassen“, sagte sie, ohne ihn anzusehen.
Masamune faltete das Tuch neben sich, nur um es wieder zu öffnen und unter die Schälchen zu legen. „Du hattest keine Wahl.“
„Mütter haben immer eine Wahl.“ Sie richtete sich etwas auf, ihre Knie knirschten leise – eine Erinnerung an die Jahre, in denen sie auf Tatami, auf Holzböden, in engen Küchen gestanden hatte. „Ich hätte dich aufhalten können."
„Du hättest mich nur langsamer gemacht“, entgegnete er. „Aber nicht aufgehalten.“
Sie drehte sich nun doch zu ihm um, lehnte die Hüfte leicht an die Arbeitsfläche gegenüber. Für einen Moment waren da nur ihre Blicke, die sich im engen Raum trafen – sein fester, dunkler, mit dem Hauch der Müdigkeit eines Mannes, der mehr gesehen hatte, als er zugeben wollte; ihrer wacher, älter, aber unverletzt in ihrer Klarheit.
„Genau“, sagte sie. „So wie du deine Schüler beim Turnier nicht aufhalten kannst. Nur langsamer. Oder schneller machen.“
Er schwieg, dachte nach. Hinter ihren Worten lag etwas, das mehr war als bloße Lebenserfahrung – ein stilles Verstehen der Art, wie er sich veränderte, seit er in Seattle war. Seit er erwacht war. Es war, als würde er an einer geschlossenen Tür stehen, deren Existenz nur seine Mutter bemerkte, ohne sie aufzudrücken.
„Du willst, dass sie gewinnen“, fuhr sie fort und wandte sich wieder den Töpfen zu. „Du willst, dass dein Dojo gut dasteht. Dass die Leute sagen: ‚Masamunes Schüler sind stark. Sein Weg funktioniert.‘“
Sie nahm die Schale mit den schwarzen Bohnen, wiegte sie in der Hand, als spüre sie ihr Gewicht.
„Aber das ist nur die vordere Seite der Schüssel“, sagte sie. „Die schöne Glasur. Was ist darunter? Wie ist der Ton verarbeitet?“
Masamune atmete durch die Nase ein, langsam wieder aus. Er wusste, dass sie auf etwas Bestimmtes hinauswollte, und er wusste auch, dass sie warten würde, bis er es selbst aussprach.
„Ich will, dass sie nicht gedemütigt werden“, sagte er schließlich. „Nicht von diesen… Fitness-Studios, die Jiu Jitsu wie ein Accessoire verkaufen. Nicht von Leuten, die den ganzen Tag Marketing machen und abends eine Matte ausrollen, um sich Meister zu nennen.“
Ein Schatten aus Stolz und Ärger glitt kurz über seine Züge. „Ich will, dass sie sehen, was der echter Weg ist. Was Bushido bedeutet.“
Seine Mutter nickte kaum merklich und begann, die Kuro-mame in einen kleinen Topf mit süßer, leicht salziger Flüssigkeit zu geben. Die Bohnen glitten schwer hinein, klatschten leise gegen den Boden.
„Kuro-mame“, sagte sie ruhig. „Damit man im neuen Jahr hart und fleißig arbeitet.“
Er verzog den Mund.
"Sie arbeiten hart“, sagte er. „Härter, als ich erwartet hatte, als ich hierherkam. Die meisten von ihnen haben zwei Jobs, oder ein Studium. Und sie kommen trotzdem fast jeden Tag.“
Seine Mutter rührte in den Bohnen, prüfte die Konsistenz zwischen zwei Essstäbchen. „Dann war dein Unterricht nicht umsonst.“
Masamune schwieg einen Moment. Das gleichmäßige Rühren, das leise Blubbern der Flüssigkeit um die Bohnen herum hatten etwas Beruhigendes, beinahe Hypnotisches.
„Einer von ihnen“, sagte er dann, „arbeitet nachts in einem Club als Security. Er kommt manchmal direkt von dort hierher. Rote Augen, zitternde Hände vom Kaffee. Aber er trainiert, als wäre jeder Wurf der Letzte, den er noch lernen kann.“
„Und?“
„Er wird dennoch beim Turnier verlieren“, stellte Masamune nüchtern fest. „Er hat Herz, aber ihm fehlt Erfahrung. Seine Hüfte steht oft falsch, er spannt zu früh an, verkrampft kurz vor dem Wurf. Gegen jemanden mit echter Wettkampferfahrung…“ Er machte eine kleine, abschließende Handbewegung.
Seine Mutter zog den Topf vom Herd, ließ die Bohnen in der warmen Flüssigkeit stehen. Sie ließ die Bohnen noch einen Moment ruhen, als müssten sie seine Worte einsaugen.
„Wird er trotzdem hingehen?“, fragte sie.
„Ja“, antwortete Masamune ohne zu zögern. „Wenn ich es ihm erlaube.“
Sie wandte sich halb zu ihm um. „Und wenn du es ihm nicht erlaubst, wird er es dir nie ganz verzeihen.“
Er wollte spontan widersprechen, doch der Einwand blieb ihm im Hals stecken. Stattdessen griff er nach einem sauberen Tuch, faltete es sorgfältig, als müsste er eine innere Unruhe glätten.
„Ich könnte sagen, er sei noch nicht so weit“, murmelte er. „Dass er beim nächsten Turnier…“
„… älter ist, müder, vielleicht mit einer kaputten Schulter, vielleicht krank, oder zu beschäftigt.“, fiel sie ihm leise ins Wort. „Vielleicht ist dies sein einziges großes Turnier.“
Der Gedanke blieb einen Moment zwischen ihnen hängen. Von draußen drang das ferne Wummern eines Basses herüber – irgendein Club, der auch am frühen Morgen noch nicht ganz verstummt war. Seattle atmete unruhig weiter, doch die kleine Küche stand davon abgetrennt wie eine eigene Welt.
„Du kannst ihm nicht die Demütigung nehmen“, fuhr sie fort. „Aber du kannst ihm geben, was du damals nicht hattest."
„Was ich damals nicht hatte?“, wiederholte er.
Sie ließ das Tuch sinken, das sie gerade zusammengelegt hatte, und legte es neben den Herd. „Jemanden, der ihn ansieht und sagt: ‚Du wirst wahrscheinlich verlieren. Es wird wehtun. Vielleicht lacht jemand. Aber ich glaube, es ist wichtig, dass du trotzdem auf die Matte gehst und alles gibst.‘“
Masamune hielt ihren Blick. Es war, als würde sie nicht nur über sein erstes Turnier sprechen, nicht nur über sein Dojo, sondern auch über Entscheidungen, die ihn nach Seattle geführt hatten, hin zu einem erwachenden Verständnis von etwas Größerem als nur Technik und Kraft.
„Also soll ich es ihm so sagen“, fasste er zusammen. „Klar. Ohne Trost.“
„Mit Respekt“, korrigierte sie. „Kein Zucker. Kein unnötiger Schmerz. Nur Wahrheit.“
Ein flüchtiges, fast müdes Lächeln huschte über seine Lippen. „Bushidō in einem amerikanischen Turnier.“
„Bushidō in einer Küche in Seattle“, entgegnete sie, während sie sich wieder den vorbereiteten Schalen zuwandte. „Reich mir bitte die Jubako.“
Der Regen hatte in der Nacht nachgelassen, aber die Straßen Seattles glänzten noch, als wären sie mit schwarzem Lack überzogen. Vor dem ehemaligen Supermarkt, in dessen Schaufenstern nun Kalligraphien, Bambusmatten und ein schlichtes Holzschild mit dem Namen und das Logo des Dojos hingen, zog ein kalter Wind durch die Häuserschluchten. Ein paar verirrte Partygänger aus der Downtown hatten sich erst vor wenigen Stunden nach Hause geschleppt, der Geruch von abgestandenem Bier und Fast Food hing noch schwach in der Luft. Es war der 29. Dezember. Früher Morgen.
Drinnen war davon nichts zu spüren.
Im Dojo roch es nach Reis, Sojasauce und dem leichten, warmen Duft von Dashi, der seit einer Stunde auf dem Herd zog. Die Neonlichter, die früher Warenregale beleuchtet hatten, waren längst entfernt worden. Stattdessen sorgten jetzt einfache, warme Lampen für ein weiches, goldenes Licht, das an frühen Morgenstunden in einer japanischen Vorstadt erinnerte – nur das ferne Heulen einer Polizeisirene, das kurz von draußen herübersickerte, verriet die amerikanische Stadt hinter den dünnen Wänden.
In der kleinen Küche, die früher einmal zur Personalzone des Supermarkts gehört hatte, war der ehemalige Fliesenspiegel jetzt mit einfachen Holzlatten verkleidet. An einem Haken hing ein altes, etwas ausgeblichenes Tenugui mit dem Schriftzeichen für „Ken“ – Schwert, nicht nur im wörtlichen Sinn, sondern als Prinzip. Darunter standen zwei Gasherde, einer davon schon alt und mit verfärbten Knöpfen, der andere ein relativ neues, glänzendes Modell, das Masamune nach seinem Einzug gekauft hatte – mehr ein Zeichen dafür, dass er „angekommen“ war, als dass er es gebraucht hätte.
Das leise Brodeln der Dashi in einem tiefen Topf füllte den Raum mit beruhigender Beständigkeit.
Masamune stand barfuß auf dem etwas zu kalten Boden, die Sohlen seitlich leicht gespreizt, das Gewicht gleichmäßig verteilt. Es war die gleiche Präsenz, die er in der Kampfhaltung einnahm. Die Flamme unter dem Topf zischte leise, als wieder ein winziger Tropfen Kondenswasser vom Deckel zurück in die Brühe fiel. Draußen vor der Glastür des Dojos zog ein Lieferwagen vorbei, die Scheinwerfer warfen verzerrte Lichtbänder an die Decke, doch hier, im warmen Dunst der Küche, schien das Alles weit weg zu sein.
Masamune legte die frisch geschnittenen Stücke Renkon in eine Schüssel mit Wasser, in das seine Mutter einen Spritzer Reisessig gegeben hatte. Die hellen Lotuswurzelscheiben schimmerten im klaren Wasser, das kreisförmige Lochmuster wirkte für einen Moment wie kleine, geöffnete Augen, die vom Boden der Schüssel zu ihm heraufsahen.
Seine Mutter stellte neben ihm eine zweite Schüssel ab, in der bereits in feinen Fächerformen geschnittene Karotten und Kabu-Rübchen lagen. Die Stücke waren gleichmäßig, beinahe identisch – jede Bewegung des Messers war so kontrolliert, dass kein Zentimeter verschwendet wurde.
„Deine Hand ist angespannter als letztes Jahr“, sagte sie plötzlich, ohne aufzublicken.
Masamune hielt das Messer noch einen Moment über der Lotuswurzel, als wollte er etwas erwidern, das sich aber nicht richtig formen wollte. Stattdessen setzte er die Klinge an und schnitt weiter, die dünnen Scheiben fielen in regelmäßigen Abständen auf das Brett, jede einzelne ein kleines, weißes Rad mit den typischen Löchern.
„Hm“, machte er nur.
Seine Mutter sah ihn aus dem Augenwinkel an. „Dieses ‚hm‘ kenne ich. Es ist nicht das ‚hm‘ für: ‚Es ist nichts, mach dir keine Sorgen.‘ Es ist das ‚hm‘ für: ‚Es ist etwas, und ich werde es dir nicht sagen‘.“
Die Art, wie sie es sagte, war nicht vorwurfsvoll, eher trocken feststellend. Masamune verzog leicht den Mund.
„Es ist…“ Er hielt inne, legte das Messer kurz ab und wischte sich die Finger an einem sauberen Tuch ab. „Es ist nur das Turnier.“
Sie reagierte nicht sofort. Das leise Klacken des Holzdeckels, den sie auf einen weiteren Topf legte, klang laut durch die Stille. Seine Mutter ließ das Tuch sinken und drehte sich etwas mehr zu ihm, so weit, wie es der schmale Küchenraum zuließ.
„Also doch.“ Sie tippte mit dem Finger gegen den Rand des Topfes, als würde sie die Temperatur der Situation prüfen, nicht die der Brühe. „Du hast es bisher vermieden, das Wort überhaupt in den Mund zu nehmen - außer als du Hilfe mit den Anzügen brauchtest.“
Masamune straffte unwillkürlich die Schultern. Das war ihm selbst unangenehm aufgefallen: wie er in den letzten Wochen um das Thema herumgetänzelt war, obwohl das Turnier wie ein Fixstern am Horizont des kommenden Jahres stand. Er atmete einmal langsam aus.
„Es ist nur ein Turnier“, sagte er, und noch während er die Worte aussprach, hörte er, wie falsch sie klangen.
Seine Mutter hob eine Augenbraue. „Nur? Für dich gibt es nur selten ein ‚nur‘.“
Er nahm das Messer wieder auf, mehr um sich zu beschäftigen, als weil es nötig gewesen wäre, und begann, die letzten Stücke Renkon zu fächern. Die Klinge glitt vertraut durch das Fruchtfleisch. Er ließ das Messer einen Moment in der Luft verharren, dann legte er es schließlich doch ganz beiseite. Es war sinnlos, sich hinter der Bewegung zu verstecken; seine Mutter las seine Haltung ohnehin wie ein offenes Buch.
„Es ist nicht nur ein Turnier“, sagte er schließlich. „Es ist… das erste Große, seit ich das Dojo eröffnet habe. Nicht nur ein lokales Treffen, nicht nur ein Freundschaftskampf mit den Leuten aus der Nachbarschaft.“ Er atmete ruhig ein, aus, sortierte die Worte innerlich, wie er eben die Gemüsestücke sortiert hatte. „Die anderen Dojos schauen hin. Potenzielle Sponsoren. Die Nachbarschaft. Und meine Schüler. Andere Dojos und deren Schüler.“
Seine Mutter schwieg, doch ihre Hände bewegten sich weiter – sie nahm die Renkon-Scheiben aus der Schüssel, schüttelte sie sanft ab, drapierte sie ordentlich auf einem sauberen Tuch. Ihre Bewegungen strahlten eine Ruhe aus, die ihn zugleich beruhigte und reizte.
„Du hast schon größere Dinge erlebt als ein Turnier“, meinte sie dann leise.
Masamunes Blick glitt kurz zur Küchentür, hinter der der Hauptraum des Dojos lag. Die gedämpfte Stille, die dort jetzt herrschte, stand in starkem Kontrast zu den Bildern in seinem Kopf: die Matten voll, das dumpfe Aufprallen von Körpern, Rufe, Applaus – und am Rand Leute, die keine Ahnung von Jiu Jitsu hatten, aber sehr genau darauf achten würden, ob dieses „komische Dojo im alten Supermarkt“ ernst zunehmen war.
„Ja“, erwiderte er schließlich. „Aber das hier…“ Er hielt kurz inne, suchte nach einem Vergleich, den sie beide teilten. „Das ist kein Kampf, in dem nur ich falle, wenn ich einen Fehler mache.“
Sie legte die letzten Lotuswurzel-Scheiben nebeneinander und deckte sie mit einem leicht feuchten Tuch ab, damit sie nicht austrockneten. „Du hast Verantwortung“, fasste sie es zusammen, ohne Pathos. „Und du bist…“ sie musterte ihn seitlich, „aufgeregt.“
Er schnaubte leise. „Nur ein wenig.“
„Für deine Verhältnisse: sehr.“ Ein kaum merkliches Lächeln huschte über ihre Lippen. Dann wandte sie sich wieder dem Herd zu. Sie hob mit geübter Bewegung den Deckel des Topfes an. Ein Schwall Dampf stieg auf und legte sich wie ein kurzer Schleier über ihre Brille. Sie blinzelte, wischte das Glas mit dem Handrücken frei und roch prüfend an der aufsteigenden Wärme.
„Die Brühe ist fertig“, stellte sie fest. „Reich mir bitte die Flasche Usukuchi.“
Masamune griff ohne hinzusehen nach der richtigen Flasche. Seine Finger fanden sie im Regal mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der sie im Training einen Griff ansetzten. Die hellere Sojasauce glitt aus der Glasflasche in einem dünnen Strahl in den Topf. Er beobachtete, wie sie sich im Dashi verlor, kaum dunkler werdend, nur ein Hauch von Farbe, der im Inneren alles veränderte.
Wie seine Magie. Äußerlich fast unsichtbar, innerlich entscheidend.
„Sie werden verlieren“, sagte er plötzlich, während er die Flasche wieder abstellte. „Einige von ihnen. Vielleicht sogar die meisten.“
Seine Mutter sah nicht überrascht aus. „Natürlich werden sie das.“ Sie rührte mit den feinen Stäbchen in der Brühe, sodass sich die Aromen gleichmäßig verteilten. „Sonst wäre es kein echtes Turnier.“
Er verschränkte unbewusst die Arme, lehnte sich mit der Hüfte gegen die Arbeitsfläche. „Ich kann sie nicht davor schützen.“
„Du sollst sie nicht schützen.“ Ihre Stimme blieb ruhig, aber der Ton wurde fester. „Du sollst sie vorbereiten.“
Ein Moment Stille, nur das leise Blubbern im Topf und von draußen das entfernte Rauschen eines vorbeifahrenden Busses. Masamune lauschte auf das Echo ihrer Worte in sich selbst. Vorbereiten. Nicht retten. Nicht kontrollieren. Nicht für sie kämpfen.
Er nickte langsam, löste die verschränkten Arme wieder und griff nach dem nächsten Schneidbrett.
„Vorbereiten“, wiederholte er, als würde er das Wort prüfen. „Manche von ihnen glauben noch, ein Turnier sei wie ein Film. Saubere Würfe, schönes Fallen, Applaus. Niemand sieht, wie sich die Hände danach anfühlen, wenn man sie am Abend in heißes Wasser hält.“
Seine Mutter schob ihm wortlos eine Schale mit bereits blanchierten Möhren und Renkon hin, die er für die weiteren Osechi-Schichten portionieren sollte.
„Dann ist es gut, dass sie dich haben“, sagte sie. „Jemanden, der ihnen erklärt, dass man aus einem Sturz mehr lernt als aus zehn Siegen.“
Er begann, die Gemüsestücke sorgfältig in gleichmäßige Portionen zu teilen, jede Einheit so bedacht, als würde er einen Lehrplan zurechtschneiden. Die Konzentration auf das Handwerk beruhigte ihn ein wenig; die vertrauten, einfachen Aufgaben hatten etwas Tröstliches an sich.
„Und du?“, fragte sie nach einem Moment, ohne ihn anzusehen. „Bist du bereit, sie auch fallen zu sehen und für sich alleine stehen zu lassen? Oder wirst du versuchen, jeden Kampf von der Seite aus mit zu kämpfen?"
Er legte ein weiteres Stück Renkon auf das Brett, hielt das Messer darüber – und ließ es bewusst noch nicht sinken. Ihre Frage traf genau den Punkt, den er selbst die letzten Nächte umkreist hatte.
„Im Training kann ich eingreifen“, sagte er schließlich. „Ich sehe, wenn jemand falsch schlägt. Ich sehe, wenn einer kurz davor ist, sich zu überschätzen. Ich kann stoppen, korrigieren, wiederholen lassen.“
Das Messer glitt nach unten, teilte die Lotuswurzel mit einem präzisen Schnitt.
„Auf der Matte beim Turnier“, fuhr er fort, „stehen sie dort ohne mich. Ich… kann nur zusehen.“
„Wie jeder Lehrer.“ Ihre Antwort kam ohne Zögern. Sie nahm eine kleine Schüssel, begann, Sojasauce, Zucker und ein wenig Mirin für die Tazukuri-Mischung abzuwiegen. „Du bist nicht der Erste, der glaubt, er müsse mit auf der Matte stehen, wenn der Schüler kämpft.“
Er sah zu, wie sie die getrockneten Sardinen in einer Pfanne ohne Öl anröstete, bis sie leicht glänzten. Der Duft von Niboshi breitete sich in der kleinen Küche aus, mischte sich mit dem Dashi in der Luft. Es war ein Geruch, der ihn an Neujahre in Japan erinnerte, an frühe Morgenstunden mit noch kühlen Tatami unter den Knien und dem dumpfen Klang von fernen Tempelglocken. An die Jahre mit Vater.
„Du hast mich auch kämpfen sehen“, sagte er leise, fast mehr zu den aufsteigenden Düften als zu ihr.
Ihre Hände hielten einen Moment inne, dann schwenkte sie die Pfanne weiter, bis die Sardinen ein gleichmäßiges, leichtes Knistern von sich gaben.
„Ja“, antwortete sie schließlich. „Und ich konnte auch nur zusehen.“
Er stellte das Messer ab, legte die sorgfältig geteilten Renkon-Portionen in die vorbereiteten kleinen Schälchen, die später in die Jubako geschichtet werden würden. Seine Finger arbeiteten ruhig, aber in seinem Blick lag eine Spannung, als läge irgendwo zwischen den Lotuswurzel-Scheiben noch etwas, das er sortieren musste.
„Damals“, fuhr sie fort, während sie Zucker und Mirin über die Niboshi gab und mit einem leisen, klebrigen Geräusch verrührte, „wollte ich dich aufhalten. Du warst jung, stur und…“ Sie schnaubte leise. „Überzeugt davon, dass jedes Problem sich mit einem sauberen Wurf und genug Disziplin lösen lässt."
„Ich war nicht überzeugt“, erwiderte Masamune leise. „Ich wollte nur glauben, dass es so ist.“
Die Sauce in der Pfanne begann dicklicher zu werden, legte sich glänzend um die kleinen Fische. Seine Mutter nahm die Pfanne vom Herd, schwenkte sie ein letztes Mal, damit sich alles gleichmäßig überzog, dann breitete sie die Niboshi vorsichtig auf einem mit Papier ausgelegten Blech aus, damit sie abkühlen konnten.
„Ich habe dich trotzdem gehen lassen“, sagte sie, ohne ihn anzusehen.
Masamune faltete das Tuch neben sich, nur um es wieder zu öffnen und unter die Schälchen zu legen. „Du hattest keine Wahl.“
„Mütter haben immer eine Wahl.“ Sie richtete sich etwas auf, ihre Knie knirschten leise – eine Erinnerung an die Jahre, in denen sie auf Tatami, auf Holzböden, in engen Küchen gestanden hatte. „Ich hätte dich aufhalten können."
„Du hättest mich nur langsamer gemacht“, entgegnete er. „Aber nicht aufgehalten.“
Sie drehte sich nun doch zu ihm um, lehnte die Hüfte leicht an die Arbeitsfläche gegenüber. Für einen Moment waren da nur ihre Blicke, die sich im engen Raum trafen – sein fester, dunkler, mit dem Hauch der Müdigkeit eines Mannes, der mehr gesehen hatte, als er zugeben wollte; ihrer wacher, älter, aber unverletzt in ihrer Klarheit.
„Genau“, sagte sie. „So wie du deine Schüler beim Turnier nicht aufhalten kannst. Nur langsamer. Oder schneller machen.“
Er schwieg, dachte nach. Hinter ihren Worten lag etwas, das mehr war als bloße Lebenserfahrung – ein stilles Verstehen der Art, wie er sich veränderte, seit er in Seattle war. Seit er erwacht war. Es war, als würde er an einer geschlossenen Tür stehen, deren Existenz nur seine Mutter bemerkte, ohne sie aufzudrücken.
„Du willst, dass sie gewinnen“, fuhr sie fort und wandte sich wieder den Töpfen zu. „Du willst, dass dein Dojo gut dasteht. Dass die Leute sagen: ‚Masamunes Schüler sind stark. Sein Weg funktioniert.‘“
Sie nahm die Schale mit den schwarzen Bohnen, wiegte sie in der Hand, als spüre sie ihr Gewicht.
„Aber das ist nur die vordere Seite der Schüssel“, sagte sie. „Die schöne Glasur. Was ist darunter? Wie ist der Ton verarbeitet?“
Masamune atmete durch die Nase ein, langsam wieder aus. Er wusste, dass sie auf etwas Bestimmtes hinauswollte, und er wusste auch, dass sie warten würde, bis er es selbst aussprach.
„Ich will, dass sie nicht gedemütigt werden“, sagte er schließlich. „Nicht von diesen… Fitness-Studios, die Jiu Jitsu wie ein Accessoire verkaufen. Nicht von Leuten, die den ganzen Tag Marketing machen und abends eine Matte ausrollen, um sich Meister zu nennen.“
Ein Schatten aus Stolz und Ärger glitt kurz über seine Züge. „Ich will, dass sie sehen, was der echter Weg ist. Was Bushido bedeutet.“
Seine Mutter nickte kaum merklich und begann, die Kuro-mame in einen kleinen Topf mit süßer, leicht salziger Flüssigkeit zu geben. Die Bohnen glitten schwer hinein, klatschten leise gegen den Boden.
„Kuro-mame“, sagte sie ruhig. „Damit man im neuen Jahr hart und fleißig arbeitet.“
Er verzog den Mund.
"Sie arbeiten hart“, sagte er. „Härter, als ich erwartet hatte, als ich hierherkam. Die meisten von ihnen haben zwei Jobs, oder ein Studium. Und sie kommen trotzdem fast jeden Tag.“
Seine Mutter rührte in den Bohnen, prüfte die Konsistenz zwischen zwei Essstäbchen. „Dann war dein Unterricht nicht umsonst.“
Masamune schwieg einen Moment. Das gleichmäßige Rühren, das leise Blubbern der Flüssigkeit um die Bohnen herum hatten etwas Beruhigendes, beinahe Hypnotisches.
„Einer von ihnen“, sagte er dann, „arbeitet nachts in einem Club als Security. Er kommt manchmal direkt von dort hierher. Rote Augen, zitternde Hände vom Kaffee. Aber er trainiert, als wäre jeder Wurf der Letzte, den er noch lernen kann.“
„Und?“
„Er wird dennoch beim Turnier verlieren“, stellte Masamune nüchtern fest. „Er hat Herz, aber ihm fehlt Erfahrung. Seine Hüfte steht oft falsch, er spannt zu früh an, verkrampft kurz vor dem Wurf. Gegen jemanden mit echter Wettkampferfahrung…“ Er machte eine kleine, abschließende Handbewegung.
Seine Mutter zog den Topf vom Herd, ließ die Bohnen in der warmen Flüssigkeit stehen. Sie ließ die Bohnen noch einen Moment ruhen, als müssten sie seine Worte einsaugen.
„Wird er trotzdem hingehen?“, fragte sie.
„Ja“, antwortete Masamune ohne zu zögern. „Wenn ich es ihm erlaube.“
Sie wandte sich halb zu ihm um. „Und wenn du es ihm nicht erlaubst, wird er es dir nie ganz verzeihen.“
Er wollte spontan widersprechen, doch der Einwand blieb ihm im Hals stecken. Stattdessen griff er nach einem sauberen Tuch, faltete es sorgfältig, als müsste er eine innere Unruhe glätten.
„Ich könnte sagen, er sei noch nicht so weit“, murmelte er. „Dass er beim nächsten Turnier…“
„… älter ist, müder, vielleicht mit einer kaputten Schulter, vielleicht krank, oder zu beschäftigt.“, fiel sie ihm leise ins Wort. „Vielleicht ist dies sein einziges großes Turnier.“
Der Gedanke blieb einen Moment zwischen ihnen hängen. Von draußen drang das ferne Wummern eines Basses herüber – irgendein Club, der auch am frühen Morgen noch nicht ganz verstummt war. Seattle atmete unruhig weiter, doch die kleine Küche stand davon abgetrennt wie eine eigene Welt.
„Du kannst ihm nicht die Demütigung nehmen“, fuhr sie fort. „Aber du kannst ihm geben, was du damals nicht hattest."
„Was ich damals nicht hatte?“, wiederholte er.
Sie ließ das Tuch sinken, das sie gerade zusammengelegt hatte, und legte es neben den Herd. „Jemanden, der ihn ansieht und sagt: ‚Du wirst wahrscheinlich verlieren. Es wird wehtun. Vielleicht lacht jemand. Aber ich glaube, es ist wichtig, dass du trotzdem auf die Matte gehst und alles gibst.‘“
Masamune hielt ihren Blick. Es war, als würde sie nicht nur über sein erstes Turnier sprechen, nicht nur über sein Dojo, sondern auch über Entscheidungen, die ihn nach Seattle geführt hatten, hin zu einem erwachenden Verständnis von etwas Größerem als nur Technik und Kraft.
„Also soll ich es ihm so sagen“, fasste er zusammen. „Klar. Ohne Trost.“
„Mit Respekt“, korrigierte sie. „Kein Zucker. Kein unnötiger Schmerz. Nur Wahrheit.“
Ein flüchtiges, fast müdes Lächeln huschte über seine Lippen. „Bushidō in einem amerikanischen Turnier.“
„Bushidō in einer Küche in Seattle“, entgegnete sie, während sie sich wieder den vorbereiteten Schalen zuwandte. „Reich mir bitte die Jubako.“
